Wie ich nach dieser Headline noch die Kurve kriegen soll… weiß ich nicht. Kurz vor 59 und seit 15 Monaten „arbeitslos“, soweit die offizielle Lesart. Arbeit? Für Leute wie mich gibt es Arbeit genug. Die Qualifikation ist nicht der springende Punkt, das wird in all den Absagen und Interviews immer und immer wieder hervorgehoben. Der eigentliche Grund wird nie thematisiert und steht doch wie ein nicht zu übersehender Elefant im Raum.

Glitter auf Scheiße streuen, das war mein Job. Darauf soll und muss ich mich fortwährend bewerben. Zwar „ohne Auflagen“ der „Agentur“ für Arbeit, aber mit klaren Regeln. Alle acht Wochen ein Bericht per E-Mail, jedes Quartal eine „Einladung“ zum Gespräch… Manchmal kommen auch Stellenanzeigen von der „Agentur“ per Post… auf die man sich tunlichst bewerben sollte, will man die Kürzung der frugalen Unterstützungsleistungen abwenden, egal wie abwegig die Auslobung sein mag.

Glitter auf Scheiße streuen. Darin war ich gut. Mehr als 30 Jahre konnte ich damit meine Existenz, ein Leben, das wäre übertrieben, finanzieren. Ich habe mir Respekt und Freiräume innerhalb der Strukturen erkämpft. Ich hatte ein weitestgehend selbstbestimmtes Dasein. Ich war jung. Ich war selbstständig, freier Mitarbeiter, prekär beschäftigt, in fester Anstellung. Kurzum: Alles was man in der sogenannten „Kreativbranche“ so sein kann. Ich verfüge nun über einen interessanten, völlig zerklüfteten „Lebenslauf“: Architektur, Innenarchitektur, Ausstellungsdesign, Möbeldesign, Grafikdesign, und, und, und …

Und seit 15 Monaten erhalte ich auf jede Bewerbung, entweder sofort, oder nach den überaus freundlich verlaufenden Interviews, Absagen. Die meisten kommen per Mail, zusammengebaut aus Textbausteinen. Man schätze meine Erfahrung, doch „Kleinigkeiten“ hätten… bla, bla, bla. Und alle, alle sind sich in diesen Textbausteinen absolut sicher, dass bei meiner Erfahrung und meiner Professionalität…

Glitter auf Scheiße. In all den Absagen wird mir mehr oder weniger versichert: eine glänzende Zukunft… mit all den Erfahrungen. Ja, sicher. Nur nicht in „ihrem“ verf***ten Unternehmen. Ganz sicher, ob all der Erfahrung woanders. Sicher, ganz sicher und viel, ganz viel Glück!

Das mit dem Glück – ob nun ganz viel, oder so eben noch erträglich – mmh, ist so eine Sache… Mein Glück, also die Momente in denen ich so etwas wie „Glück“ empfand, hatten mit meinen Jobs wenig bis nichts zu tun. Es waren Menschen, Situationen, Reisen, … Mein Glück. Mein Glück ist, dass ich bereits ein Leben – ein Leben mit Freunden, Geliebten, Reisen, gutem Essen, leckerem Wein und Bier, der einen oder anderen, mehr oder weniger, bewusstseinserweiterternden Droge – hatte.

Wie das nun weiter geht?

Noch genau 3 1/2 Monate darf ich mich auf „Glitter auf Scheiße“-Jobs bewerben und die altersbedingten Absagen einsammeln, die im vereinbarten Rhythmus per Mail an die „Agentur“ zu berichten sind.

Und dann…?

Und dann? Dann, ja dann… dann geht es schnurstracks in die Angst- und Verarmungsmaschine ALGII besser bekannt als Hartz4.

Besten Dank an die Sozialdemokraten + Grüne. All die christlichen Wirtschaftsradikalen hätten sich diese Agenda 2010 nie getraut und wären schon beim Versuch krachend gescheitert. Für diese Nummer musste die rotgrüne Koalition ran und sie tat wie geheißen. Die Wirtschaftsradikalen sind der sogenannten rotgrünen Koalition bis heute mehr als dankbar für die angerührte Scheiße.

Nun kommt der Martin!

Nun kommt Martin um die Ecke… Martin holt die verstaubte „soziale Gerechtigkeit“ aus dem Regal der Sozialdemokratie. Das machen die alle vier Jahre und hoffen, dass es keiner merkt. Yoh, Martin, der Rechte aus dem Seeheimer Flügel, der Schröder und Gabriel Freund, der wird’s richten…

Sicher wird er das, kein Zweifel! Der Mann der informellen großen Koalition in Brüssel und Strasbourg wird das in Berlin richten. Der Mann, der mit allen Kräften versucht hat CETA durchzupauken, flugs noch vor seinem Wechsel nach Berlin. Der Martin, der die wallonischen Sozialdemokraten hinter zugezogenen Gardinen beackert, bekniet und wahrscheinlich auch erpresst hat ihr NEIN aufzugeben und CETA zuzustimmen… Genau der wird es richten. Der Martin, der total genervt war von den Verhandlungen mit Vertretern von SYRIZA als es um ein Ende der Austeritätspolitik in Griechenland ging. Der Mann, der am deutschen Spardiktat nie gezweifelt hat und der es bis heute nicht tut.

Der Martin möchte nun „begangene Fehler“ korrigieren. Yoh, die möchte er nun korrigieren, die begangenen Fehler. Und wo fängt er an? Er fängt an bei den hart arbeitenden Menschen. Den hart arbeitenden Menschen, die schuld- und grundlos in der Arbeitslosigkeit gelandet sind und nach 12, 18, oder 24 Monaten ALGI mit Bewerbungstagebüchern, fragwürdigen Bewerbungs-Coachings und Einladungen zu Gesprächen, vor der Angst- und Verarmungsmaschine ALGII stehen.

Jenen, und nur jenen, will er helfen mit dem mystischen „Q“, also Qualifikationsmaßnahmen, der Verelendungsmaschine um einige Monate mehr zu entgehen. Toll, der Martin.

Nicht ein Wort zur Erhöhung des Hartz4-Satzes, nicht ein Wort zum Ende der menschenunwürdigen Sanktionen, nicht eins. Scheiß Martin. Der sozialdemokratische Kämpfer für soziale Gerechtigkeit.

Seine Kollegin, die Kümmerin, die Hannelore, die Kraft, war kürzlich im TV zu bewundern mit angewidertem Gesicht, als sie gezwungen war, ja sich gezwungen sah, klarzustellen, dass es mit ihr und, Achtung jetzt kommts, der Gerechtigkeit zu liebe, keinen Abschied von den Sanktionen geben werde. Natürlich der hart arbeiten Menschen in der neoliberal verrohten und moralisch verwahrlosten Mitte zu liebe, um die sie, zusammen mit der Lichtgestalt „Martin“, so erbittert kämpft.

Das ist auch Glitter auf Scheiße, Glitter auf sozialdemokratische und grüne Scheiße.

Ich bin zu alt für den Mist. Das wird mir bei jeder Absage bestätigt, mal mehr oder weniger originell. Meistens weniger, dank der diskriminierungsfreien Textbausteine.

Diskriminierungsfreier Glitter auf Scheiße. Leckt mich.

Meine Träume sind immer noch zu groß für eure Wahlurnen.

Wir sehen uns auf der Straße. So oder so.

FacebookTwitterPinterestLinkedInEmailSMSWhatsAppFacebook Messenger