Es ist schon ein paar Tage her, aber es gibt Dinge, die lassen einen nicht los. Sie kreisen im Kopf, sie rumoren im Magen, sie sind nie ganz weg und ganz plötzlich wieder da. In der U-Bahn von St. Petersburg gab es eine Explosion, Verletzte, wahrscheinlich auch Tote. Da ist es wieder das Bild. Das Bild der jungen Frau in London, die mit dem Teelicht für fünf.

Sie stand da am Betroffenheits- und Trauerzaun nahe des britischen Parlaments. Sie nestelte in ihrer Handtasche, als plötzlich ein Mikrophon unter ihrer Nase auftauchte und von ihr das Offensichtliche wissen wollte. Das Mikrophon war ein öffentlich-rechtliches und wollte ganz offenbar teilhaben an dem „Unfassbaren“ das nun über London hereingebrochen war. Es, das öffentlich-rechtliche Mikrophon, wollte das Entsetzen im O-Ton einfangen und mehr oder weniger bekam das Mikrophon was es wollte.

Die junge, weiße Frau nestelte in ihrer Handtasche, fand was sie gesucht hatte – ein Teelicht der Anteilnahme und Betroffenheit. Sie sei entsetzt und traurig, betroffen und wolle dies mit allen vom internationalen Terror Betroffenen teilen. Nachvollziehbar und menschlich. Sie sagte dem Mikrophon, dass sie nur unweit des Tatorts arbeite, als Angestellte des britischen Parlaments, als Redenschreiberin. Das Teelicht noch immer gefasst in ihrer Hand, ob es schon brannte oder nicht, vergessen, eher unwichtig.

Eines war ihr wichtig, und das hört man nach fast allen Anschlägen in der jüngeren Zeit. „Es müsse alles so weitergehen wie bisher. Man dürfe sich nicht beeindrucken lassen. Sonst hätten „DIE“ gewonnen… Wer „DIE“ sind und was „DIE“ wollen? Unwichtig. Es sind Terroristen. Punkt. Nur nicht darüber nachdenken, was Leute dazu treibt sich und anderen das Leben zu nehmen. Nein, es muss weitergehen, sonst haben „DIE“ gewonnen. Was gewonnen?

Es geht hier nicht um ein Tennismatch, ein Fußballspiel oder Skispringen. Hier gewinnt niemand, hier verlieren alle. Hier wäre genau der richtige Zeitpunkt innezuhalten, sich zu fragen, wo denn unsere Verantwortung für all das ist. Was der weiße, reiche Norden dem armen globalen Süden aufzwingt. Was diesen Hass, was die Kriege, die Hungersnöte, die Fluchtbewegungen, die Verödung ganzer Landstriche, was all diese Anschläge auslöst. Hat das alles nicht ganz deutlich etwas mit unserer Lebensweise, unserer Politik und Wirtschaft zu tun? Ganz sicher hat es das.

Das will aber keiner fragen, keiner wissen. Da muss ein betroffenes Teelicht am Zaun reichen.

Nicht nachdenken, weitermachen, sonst haben „DIE“ gewonnen, wer immer „DIE“ auch sein mögen und wer immer „DIE“ auch finanziert. Nicht nachdenken, nicht fragen – weitermachen!

Den Vorrat an Teelichtern sollte man ab und an überprüfen, es werden, so sieht es Stand heute aus, es werden noch einige betroffen und ratlos vor sich hin brennen.

Die junge Frau wird am nächsten Tag wieder an ihrem Arbeitsplatz erscheinen, Reden schreiben, die ein Politikdarsteller dann vor versammelter Mannschaft hält, er/sie wird fordern, dass alles so weiter gehen muss wie bisher. Es ist alles gut, wir haben alles, sogar in mehreren Farbnuancen und Geschmacksrichtungen. Die Teelichtproduktion läuft auf Hochtouren. Weiter so!

Und ganz wichtig zur Trauerbekundung ist auch die farbliche Kennzeichnung von Monumenten. Aus Trauer und tiefer Betroffenheit. Gab es die beim Anschlag in London oder wurden die wegen des Brexits lieber weggelassen, hmm? Strafe muss sein. Ob es jetzt welche für St. Petersburg gibt? Mal sehen. Teelichter gibt es sicher, betroffene Gesichter auch und wieder die „Weiter so!“-Parolen. Blumen werden auch gerne genommen und ganz sicher in vollends verblödeten „Brennpunkten“ die falschen Fragen gestellt, soviel ist sicher. Weiter so!

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