In China stellen sie Kameras

Na, freut Ihr Euch auch so auf den neuen Mobilfunkstandard 5G? Endlich schnellst surfen. Und – schaut man auf die jüngsten Debatten – das scheint ja das Wichtigste zu sein: Wenn das Deutsche nur schnell fahren und schnell surfen darf, dann hamwa keene Probleme. Vielleicht kann ja dann der/die Rentner/-in in Altersarmut per App den nächsten Mülleimer ermitteln, in dem es noch Pfandflaschen gibt.

Ich weiß natürlich nicht, wie es bei Euch ist aber bei mir ist das so: Wenn Automobilindustrie und Mobilfunkbranche unisono jubeln, dann stellt sich bei mir ein Würgreflex ein, dann denk ich: „Uffbasse!“ Nicht aus den Gründen, die unsere medialen Bedenkenträger so in den Äther pusten. (Bedenken können sie ja, und wenn man was gut kann…) Denn jene bedenkenverteilen die Sorge, der Chinese könnte lauter lustige Backdoors, Backflips, Backkuchens und sonstige Hintertürchen zum fleißigen Auslesen von Daten in die Technologie verbauen. Ich mach mir da um die Chinesen die geringsten Sorgen.

Während dort – in China – die abscheuliche Überwachung nicht weiter verschleiert wird, verkauft man sie in Europa stets als Feature. Da gibt es dann hier Payback-Punkte, dort Shop-Kicks, zahlen mit Bargeld ist total Yesteryear, Apple-Pay ist der latest shit und überall hinterlassen wir lustig Daten und Metadaten – aber die wertet ja sicher niemand aus, ne? Wer tatsächlich annimmt, wir befänden uns nicht längst in einem Punkte-System, in dem also bewertet wird, was wir so tun und mit wem, der hat aber bei den entzogenen Akkreditierungen um den G20 in HH kräftig geschlafen.

Aber all das ist morgen ja schon Technik von gestern. Auf deutschen Daten- und anderen Autobahnen soll es keine Tempolimits geben. Wir könnten ja – ohjemine, ohjemine – den Anschluss verpassen. Wenn wir nicht alsbald total digital und KI sind, dann sind wir ja abgehängt – und wovon sollen wir leben, wir Deutschen, die wir doch quasi seit dem späten 15. Jahrhundert die Digitalisierung mit erfunden haben. 5G ist der neue Shit und mit ihm der total sichere, autonome – natürlich ohne Tempolimit – bretternde Individualverkehr. Vodafone und die RWTH Aachen proben das schonmal, im 5G Mobility Lab. Das klingt geil, das muss was können. Das Selbstverständnis unserer Hochschulen, die mit Strukturen wie Facebook und Vodafone kuscheln ist mir rätselhaft und womöglich einen eigenen Artikel wert, aber das nur am Rande.

Jedenfalls geht das so, mit dem total sicheren Straßenverkehr: 5G skaliert die Datengeschwindigkeiten flexibel von wenigen Bytes pro Stunde auf mehrere Gigabytes pro Sekunde. Informationen werden also in Echtzeit zwischen allen Verkehrsteilnehmern ausgetauscht. Und sie meinen Alle. Während Du also so an einem düsteren Mülleimer stehst, um ein paar Pfandflaschen zu sammeln, sodass Dich ein/e Autofahrer/-in zu spät entdeckte, liefest Du auf die Gasse, hat Dein „Smart“-phone längst Deinen Standort gefunkt und die vernetzte Karre weiß, dass dort unter Umständen Gefahr lauert. Wobei Du natürlich erst richtig gefährlich bist, wenn Du kein Smartphone besitzt. Ich warte nur drauf, dass sie die Dinger dann gratis verteilen „gotcha“. Hartz IV sind dann eben 400€/Monat und ein iPhone 6.

Na jedenfalls alle so YAY, total sicher bei 300 km/h ein Buch lesen (nie was vom Zugfahren gehört). Die Mobilfunkbranche so YAY, endlich bauen wir unsere Überwachungsgeräte flächendeckend in des Deutschen liebstes Kind, und die Automobilbranche so YAY, ein neuer Marketinggag, um neues, dann vernetztes und e-mobiles Blech unter die Leute zu bringen. Die Zukunft ist gerettet. Ich so: wait, what? Dieselben städtischen und staatlichen Institutionen, die sich gesetzlich erlaubt haben, meine Adresse zu verkaufen, sowie die Mobil- wie die Automobilindustrie bekommen millimeter- und sekundengenaue Bewegungsprofile von mir? Und Ihr hättet gerne, dass ich mich vor dem Chinesen fürchte (irgendwie der neue Russe, der ja nie kam)? Nennt mich altmodisch, aber bevor ich mir Gedanken um chinesische Hintertürchen mache, kommen mir weit vorher weit andere Fragen in den Sinn…

Wir wissen doch alle bereits, wie Staaten, ihre Geheimdienste und internationale Unternehmen mit unseren Daten umgehen – gewiss nicht verantwortungsvoll. Irgendwie ist es gelungen, Nutzer/-innen-Daten zum neuen Gold zu machen. Wer sie hat, macht damit Gewinn. Und irgendwie ist es ebenso gelungen, uns mit in China aufgehängten Kameras und Punktesystemen komplett davon abzulenken, dass überall sonst auf der Welt das exakt gleiche geschieht, aber stets schmackhaft als Funktion, als Bonus, als die Zukunft verkauft wird. Qua Klimawandel sieht’s um die Zukunft derart düster aus, dass sie ohnehin nur noch als Marketing-Begriff eine solche hat.

Es gibt also reichlich Stoff, Menschenverstand anzuwenden – sicher nicht den unseres Verkehrtministers – einfach mal in Ruhe darüber nachzudenken, was uns da übergestülpt werden soll und wie man sich dem entzieht, bzw. ob das überhaupt noch möglich sein wird. Klar ist nur, wer ausschließlich bargeldlos zahlt, glaubt, die neue Mobilität und 5G seien unsere drängendsten Probleme und wir dürften nur den Anschluss an China nicht verlieren, dem sei geraten, den Rechner mal auszuschalten und auf die Straße zu gehen. Einfach ein bisschen umgucken, im echten Sozialen, statt im sozialen Netzwerk. Augen und Kopf offen, kommen die Erkenntnisse dann ganz von selbst.

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