Titelbild zu Endlich ne Prämie

Also entweder ist unser Verkehrtminister Andreas „the Brain“ Scheuer kreuzdämlich, oder er weiß sehr genau was er tut und lügt wie gedruckt. Ich weiß nicht was schlimmer ist. Sicher ist, er hofiert die Automobilindustrie auf eine Weise, die an Korruption denken lässt. Sicher ist auch, eine Prämie auf E-Autos wird unsere Klimakrise nur noch verschärfen.

Es ist zum Verrücktwerden, wie emotional aufgeladen die Debatte um das Auto in Deutschland geführt wird. Dabei braucht’s nur ein Fünkchen Vernunft, um einzusehen, dass wir eine sofortige und radikale Abkehr vom Individualverkehr brauchen, falls uns noch was an unserer Spezies liegt. Das E-Auto ist eine ebenso große Umweltdrecksau wie seine Benzin-Schwager. Es müssen der Erde ebenso brutal Rohstoffe entnommen werden, um es zu bauen, seine Batterien herzustellen und diese zu laden. Gut, wenn das CO₂ für den Abbau des Lithium in Chile oder Bolivien in die Luft geblasen wird, ist’s nicht weiter schlimm, da ist das Weltklima ohnehin ein ganz anderes.

Das Auto hat, in der so genannten westlichen Wertegemeinschaft (bin wieder da, war mich kurz übergeben) und speziell in Deutschland, einen Status, der jeden Weg aus der Klimakrise versperrt. Freude am Fahren. Die Biester werden gepimpt, getunt, aufgemotzt, ausgestattet, müssen ungehindert über Autobahnen rasen dürfen und werden derweil in Städten als todbringende Waffen in Rennen eingesetzt. Das Auto ist Statussymbol, Schwanzverlängerung, Bolide, Ein-Stück-Freiheit, Lustobjekt und Welcher-ist-Dein-Nächster. Transport- oder Verkehrsmittel ist es nur am Rande, vor allem ist es das Werkzeug ausgereifter, ungehinderter Macho-Scheiße. Das Gewese und Gekulte um die Karre ist durchweg männlich und also gefährlich und dumm. Ja Freunde, das schreibe ich als Kerl nicht gerne, aber es ist ja nicht schwer zu sehen, wer da in der Regel eskaliert.

Dabei geht es eigentlich – und das ist im Grunde zum Wegschmeißen witzig – nur darum, mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von ca. 20 Km/h durch die Stadt zu schleichen; in amerikanischen Großstädten zum Teil nur noch mit 17 Km/h. Freude am Fahren – höhö. Und gerade wenn es eng wird, spürt man die Freude am Fahren so richtig. Bei mir ums Eck ist aktuell eine Baustelle und folgerichtig gibt’s, auf einer viel befahrenen Straße, einen feinen Rückstau. Ei was sind alle erfreut. Da wird illegal überholt, es werden Kreuzungen zugestellt, es wird gehupt, gepöbelt, geschrien und geschimpft, und ein Polizei- oder Rettungseinsatz wird zum Armageddon des kleinen Autofahrers. Ich kann’s vom Fenster aus sehen. Sieht nach großem Spaß aus.

Den Kult um die Karre gibt’s dennoch und er ist gewollt. Muss er ja sein, denn vernünftig ist er nicht. Weder ist es vernünftig, mit knapp 20 Km/h durch Städte zu kriechen, noch ist es vernünftig, mit über 200 Km/h über die Autobahn zu rasen. Beides versaut die Umwelt, macht schlechte Laune und zweites ist obendrein brandgefährlich. Aber die Automobilindustrie ist des Deutschen liebstes Kind, und also auch das Auto. Das funktioniert bei völliger Ausblendung historischer (VW und Hitler) wie aktueller (Dieselbetrug) Ereignisse. Und anstatt diese verbrecherische Industrie (ich hab jetzt schon zweimal „InDURSTrie“ getippt – Zufälle gibt’s) und die Macho-Auswüchse ihrer Kunden konsequent vor Gericht zu zerren, verdoppelt Scheuer nun die Prämie für E-Autos. Na DAS zahl ich doch gerne!

Es genügt unseren Vorturner*innen nicht, das Auto indirekt zu subventionieren. Für die tatsächlichen Kosten des Individualverkehrs kommen ja nicht die Verursacher auf, sondern Steuerzahler*innen. Mir ist zumindest nicht bekannt, dass Autobahnbaustellen nun durch die Industrie finanziert würden. Von den Abgas-, Lärm- und Dreck-Emissionen, sowie den Verletzten und Toten noch gar nicht gesprochen. Nun muss es also – erneut, nach der so genannten Umweltprämie 2009 – eine direkte Subvention sein. Erneut singen Politik, Werbung und Industrie im Chor von einer Umweltprämie, damals bei der Verschrottung alter Diesel (wer hatte uns die Scheiße noch eingebrockt) und nun beim Kauf eines E-Autos. Umweltzerstörungsprämie wäre ehrlich, liest sich aber nicht so griffig. Umweltprämie, Jeschäftsfreunde, weil die Umwelt dann anderswo versaut wird.

Bei der Debatte ums Auto ist jedes Mittel recht, um von der eigentlichen Lösung abzulenken und jede direkte und indirekte Subvention billig, um den Irrsinn am Leben zu erhalten und sogar noch wachsen zu lassen. Wachstum – das Allheilmittel des Kapitalismus. Kann Spuren von Ausrottung enthalten. Der Bluff ums Auto funktioniert gerade gesamteuropäisch mit der Konzentration auf den Feinstaub. Sich auf die Emissionen in den Städten zu konzentrieren, ist eine wirklich fantastische Nebelkerze, aus deren Qualm dann das E-Auto wie Phönix aus der Asche emporsteigt. Dabei ist es den Herstellern vollkommen Wurscht, ob das Biest was auf die Straße kippt oder nicht. Das einzige, das die Autoindustrie interessiert sind Gewinne. Punkt.

Das vor Augen müsste auch der/dem Dümmsten (auch Verkehrsministern) klar sein, dass es ausnahmslos nie um die Umwelt, den Planeten, Tiere, Menschen oder sonst einen lästigen Nebeneffekt geht. Da ist ein Feinstaub-Grenzwert mehr als herzlich willkommen, denn über ihn wird die nächste Generation Auto verkauft. Die Diesel-Euro-Normen scheinen thematisch durch zu sein, Diesel-Gate hat nicht gerade dazu beigetragen, Vertrauen aufzubauen, da musste was neues her. Und schwupps, jetzt soll eine verantwortungsvolle Gesellschaft bitte ohne Emissionen durch Städte kriechen und über Autobahnen rasen. Denn strukturell ändert sich nicht das Geringste.

Auch das E-Auto wird daran gemessen, wie schnell es ist, wie groß es ist, wie geil es ist und wie weit man damit kommt. Weil das Auto einen Kultstatus hat, der nichts mit dem Fahrzeug an sich zu tun hat, schauen nun dieselben Leute, die sich von Alexa Pizza und von Rewe Katzenfutter bringen lassen (oder war’s umgekehrt?), darauf, ob die nächste Karre auch ja nur schnell und weit genug kommt. Wahrscheinlich arbeiten die ersten Tuner schon daran, aggressiv-laute Auspuff-Nachbauten unter E-Autos zu schrauben. Schließlich muss der kleine Schwanz auch weiterhin bei der Einfahrt ins Wohngebiet gehört werden. Freude am Fahren muss ja bleiben.

So wird das aber nix mit den Klimazielen und dem Vermeiden der Klima-Kipppunkte. Wir müssen dem Auto an den Kragen, wenn wir unsere Ausrottung verhindern wollen. Die Subventionen und der Kult müssen weg, wenn sich etwas ändern soll. Hörte der Bund endlich auf, die immensen Nebenkosten für die Autoindustrie zu übernehmen, wäre die erste Freude am Fahren sicher schon mal im Sack. Versuch’s mal mit 250 km/h, wenn Schlaglöcher nicht mehr reflexhaft mit frischem Teer ausgegossen werden. So wie der Kult ums Auto nicht vom Himmel gefallen ist, sondern durch Politik, Industrie und Marketing mühsam aufgebaut wurde, so muss auch die Ächtung des Autos auf diesem Weg geschehen. Die Subventionierung einzustellen, wäre ein erster und mächtiger Schritt. Das Geld steckt man dann konsequent in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Ein weiterer mächtiger, politischer Schritt auf den richtigen Weg wäre, Übergriffe durch das Auto angemessen – also massiv – zu bestrafen. Ich bin gewiss kein Fan des „härtere Strafen“-Rufes, aber hier ist mir deutlich nach einer Ausnahme. Ich komme noch mal auf das Sträßchen zurück, auf das ich gucken kann. Ist innerorts und also sind 50 km/h erlaubt. Wenn kein Stau ist, sind 80 km/h gar nix, abends auch mal 100 und gerne auch mal mehr, nebeneinander in einem Rennen. Je später der Abend, desto gefährlicher die Manöver. Und hier geht’s ganz deutlich nicht um Eile, die Wixer fahren ja hin und her. Es geht ausschließlich um Macho-Gehabe, Mutproben, laut, grob, blöd – das übliche Gewese eben. Zwei Straßen weiter ist ein Polizeirevier, aber Blitzer oder Streifen sind Fehlanzeige.

Der öffentliche Raum wird in Sachen Verkehrsverstöße nicht einmal ausreichend überwacht und wenn doch, dann nicht ausreichend sanktioniert. Blitzer scheinen immer dann aufgestellt zu werden, wenn an der entsprechenden Stelle jemand zu Tode gekommen ist und bei den Sanktionen wäre mit mir nicht zu spaßen. Ein innerstädtisches Autorennen deklarierte ich als versuchten Totschlag, die Äffchen gäben auf der Stelle den Lappen ab und die Karre – quasi das Tatwerkzeug – würde umgehend beschlagnahmt, zur ausgiebigen Beweissicherung. Ich will, dass fahren keinen Spaß mehr macht, da darf rasen nicht mal in der Nähe von Spaß sein. Wer – inspiriert von The fast and the furious und ähnlichem Heldenkäse – meint, das eigene und das Leben anderer aufs Spiel zu setzen, hat die Erlaubnis ein Fahrzeug zu führen verwirkt. Per Definition – Eigen- und Fremdgefährdung –, gehört er in die Klapse.

Aber woher soll das Gefühl kommen, dass man etwas falsch macht, wenn sich beim Auto eben alles ums Geil-Sein dreht? Wer mit der Muttermilch… nein, mit der Muttermilch kommt der Kult nicht, das richten die Väter. Wer also mit der Idee aufwächst, dass das Führen eines Fahrzeugs etwas mit Freiheit, Geilheit, Tempo und ficken zu tun hat, kann erstmal nicht wissen oder lernen, dass hierin die Gefahr sitzt. Und wer dann in Serien, Filmen, Musikvideos und auf Messen weiterhin im Staccato eingehämmert bekommt, dass man nur etwas ist, wenn man was fährt, fährt dann auch nur, um was zu sein.

Deshalb muss diese ganze Heroisierung, dieses Fast & Furious, dieses Pimp my Ride, das Tunen, die Formel 1-X, der ganze Quatsch muss aufhören. Die simple und überfällige Ausrufung eines Klimanotstandes würde die Formel 1 z.B. auf der Stelle beenden und damit einen Multiplikator dieses dämlichen, patriarchalen Kults aus dem (haha) Rennen nehmen.

Wenn wir endlich beginnen wollen, die Klimakrise als solche zu betrachten, dann muss das Auto als Fortbewegungsmittel gesellschaftlich und politisch geächtet werden und Notfällen vorbehalten sein. Jedes weitere Fahrzeug, das vom Band läuft, ist ein weiterer Schritt hin zu unserer Ausrottung. Womit es betrieben wird, ist vollkommen gleichgültig, denn es muss hergestellt werden. Darin liegt die Crux.

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