Systemfrage Titel

Wer sich auf Facebook, Twitter oder einem anderen kommerziellen Netzwerk herumtreibt, kennt sie, diese Tweets und Posts, meist von Mitte-Rechts, die irgendein halbgares Zeug herumpusten, stets mit dem Nimbus, die wahrste aller möglichen Wahrheiten zu verkünden. Wozu auch reflektieren, wenn man Großbuchstaben hat und das Ausrufezeichen mehrfach einsetzen darf? Und genau so ein Trollinchen kackte unlängst in Twitter, dass es keinen (KEINEN!!!! ihr wisst schon) Beweis dafür gebe, dass der Sozialismus funktioniere. Und da dachte ich bei mir: der Kapitalismus aber schon?

Erstmal hätten einige, von den USA weggeputschte/wegsanktionierte, Südamerikaner sicher Anregungen zum funktionierenden Sozialismus und meines Wissens haben auch die Kubaner nicht vom Sozialismus die Schnauze voll, sondern von den Eliten, die sie bescheißen – das ist nun nicht Sozialismus-exklusiv. Und da haben wir noch gar nicht tiefer in die genossenschaftlich geführten Betriebe in Südamerika, Spanien, Griechenland usw. geschaut. Aber zurück zum Thema: Wie misst man denn den Erfolg eines Systems? Muss der Kapitalismus als funktionierend gelten, weil wir nunmal darin leben? Das wäre nun keine allzu hohe Messlatte. Oder gilt der Kapitalismus deshalb als erfolgreich, weil er die DDR feindlich übernehmen konnte oder weil auch der Russe den Dollar entdeckt hat? Gut, aktuell schickt sich der Kapitalismus an, die ihn praktizierende Spezies auszurotten. Das kann man als Erfolg werten, das ist aber Geschmacksache.

Also woran soll man den Erfolg eines Systems messen, den Erfolg eines theoretischen Konstrukts, das in die Praxis überführt wurde? Muss ich den Kapitalismus als erfolgreich anerkennen, weil er übrig ist? Weil die eine, nicht eben ambitioniert ausprobierte Alternative vom Tisch ist? Weil jemand das Sozialismus-Konstrukt als diktatorisches Werkzeug missbraucht hat und wir weiter gar nichts ausprobiert haben, hat der Kapitalismus als System gewonnen? Das scheint mir doch eher für einen Mangel an Fantasie, denn für einen Erfolg zu sprechen.

Vielleicht misst man den Erfolg/Misserfolg eines Systems ja auch daran, in welchem Wohlstand seine Praktizierenden leben. Das wäre dann aber eine sehr regionale Messung. Zudem eine, die auch regional täglich punktueller wird, schaut man auf die alarmierenden Armutsberichte der reichen Industrienationen. Ich trinke, während ich gerade schreibe, ein Bier. Aber wie betrunken man sein müsste, um den Kapitalismus global als Erfolg zu werten, das ist mir unvorstellbar.

Dennoch gibt es reihenweise derer, die glauben, der Kapitalismus – würde er nur global ordentlich gelebt – brächte allen das ersehnte Heil. Das aber ist ausgemachter Käse, denn unser Wohlstand basiert ganz zwangsläufig auf der Ausbeutung anderer. Stets, wenn jemand gewinnt, verliert auch jemand. Der Kapitalismus braucht diese beiden: die Verlierer, damit jemand die Rechnung bezahlt und die Gewinner, damit er den Verlierern zeigen kann, wer sie sein könnten, strengten sie sich nur ordentlich an. Und offenbar braucht er immer weniger Gewinner, um die Illusion, bei stetig reduzierter Bildung, aufrecht zu erhalten.

Messen wir also den Erfolg des Kapitalismus daran, was er mit jenen macht, die am Wohlstand nicht teilhaben, dann wird’s ziemlich düster. Dabei scheint nicht mehr Licht auf dieses Gewinner-System, wenn man in der wohlständischen Region bleibt. Das Schreddern von Millionen männlicher Küken bleibt der gewinnhungrigen Lebensmittelindustrie erlaubt. Ein Nebeneffekt des Wohlstands, ein Attribut des Kapitalismus.

Wir, Trollinchen und viele andere haben nun also scheinbar das Glück, auf der Sonnenseite des Kapitalismus zu leben. Daraus ein Funktionieren abzuleiten… ich tu mich schwer. Und offenbar tut sich der Kapitalismus in seiner „soziale Marktwirtschaft“-Ausprägung selbst schwer, mit dem Funktionieren. Kohle: subventioniert, Agrar: subventioniert, Lebensmittel: subventioniert, Automobilindustrie: subventioniert, Strom für Großabnehmer: vergünstigt, Banken: gerettet… die Liste ist recht lang, für ein funktionierendes System.

Der Kapitalismus – sorry, Trollinchen – funktioniert also eben nicht. Als Konstrukt eines ständigen Wachstums kann er, an einem Ort mit begrenzten Ressourcen, auch gar nicht funktionieren. Dazu muss man nix studiert haben. Schrumpfen ist im Kapitalismus nicht vorgesehen und also ist er zum Scheitern verurteilt. Um sein Scheitern zu kaschieren und hinauszuzögern, ist – nicht erst seit gestern – Krieg die Basis für einen „funktionierenden“ Kapitalismus. Und Krieg ist gleichsam die Basis für seinen gefühlten Erfolg.

Immer dann, wenn alles in Schutt und Asche liegt, kommt der Kapitalismus ganz groß raus. Wenn Infrastrukturen, Versorgung, das Nötigste eben, neu aufgebaut werden müssen, dann ist der Kapitalismus mit seinen Ideen von Wachstum und Effizienz mit wehender Fahne voran. Was ihm gar nicht schmecken kann, dem Kapitalismus, ist, wenn er mal ne Weile ungestört laufen muss. Wenn nämlich das Schrumpfen nicht kriegerisch hergestellt wird, entpuppt sich der Wachstum als Selbstzweck, der nicht einzulösen ist. Er funktioniert also tatsächlich stets solange, bis er müsste. Der Kapitalismus/die Marktwirtschaft (ich lasse das „soziale“-Feigenblatt jetzt mal weg, es existiert ja seit 1989 nicht mehr) funktioniert, wenn etwas aufgebaut werden muss. Wenn’s mal steht, wird ihm langweilig und seinen Insassen wird’s komisch.

Aktuell befinden wir uns in einem derart eigenartigen Stadium des Kapitalismus, dass unklar ist, ob ein dritter Weltkrieg oder unsere komplette Ausrottung sein Existieren sichern. Machen wir uns nichts vor, die Stellvertreterkriege im Nahen Osten, in Afghanistan, in Afrika und wohin die so genannte westliche, marktwirtschaftliche Wertegemeinschaft sonst noch Waffen liefert, scheinen es nicht zu bringen. Weder die blutigen Kriege im Jemen und in Syrien, noch die alarmierende Wasserknappheit in Indien oder der Smog in China nehmen zur Zeit genug Bauern vom Schachbrett, als dass die Könige nicht weiterhin Nebelkerzen schießen müssten. Die komplette Mitte der ersten Welt driftet zurück nach Rechts, da sie um Pfründe und Existenz fürchtet und mit den Fridays4Future etabliert sich eine Protestbewegung auf der Straße, die nicht zu beschwichtigen scheint. Dem Kapitalismus und seinen Eliten bleibt womöglich gar nichts anderes übrig, als die hässliche Fratze zu offenbaren. Wobei, das klingt so, als hätte man sie bis hierhin nicht sehen können.

Messen wir also den Erfolg von Systemen daran, welches übrig ist, tja, dann funktioniert der Kapitalismus #standjetzt. Messen wir den Erfolg eines Systems – und sei’s nur eines gedachten – daran, was es anrichtet, dann sollten wir dringend etwas anderes ausprobieren. Denn dieser Kapitalismus basiert auf Krieg und Ausbeutung. Er kann nichts anderes und er gibt nicht vor, etwas anderes zu können. Manche Alternative hätte andere Maxime als „Wachstum“ und „Effizienz“. Aber in der aktuellen Hierarchie steht niemandem der Sinn nach Alternativen und deshalb werden auch keine ausprobiert. Die Profiteure des Kapitalismus (und Trollinchen) haben naturgemäß kein Interesse an Systemen, in denen sie nicht einer Elite angehören. Unsere Eliten haben also ebenso naturgemäß kein Interesse daran, echte Alternativen auszuprobieren. Das müssen wir schon selbst regeln, denn letzten Endes kann der Kapitalismus nur dann als Erfolg gewertet werden, wenn man ihn an seiner Zerstörungskraft misst. Und wie heißt es so schön: Wenn das die Lösung ist, dann hätte ich gerne mein Problem zurück.

FacebookTwitterPinterestLinkedInEmailSMSWhatsAppFacebook Messenger