Das Ziel war klar, schon damals. Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Liebe. Für die Ungeduldigen: das hier könnte etwas länger werden. Es war, es ist, eine verdammt lange Reise, die hinter und vor uns liegt. Das Ziel war immer klar, für viele von uns wenigstens. Die Reiseroute, die war und ist noch immer verschlungen und holprig.

 

Wir kamen aus der „Bleiernen Zeit“, aus dem „Deutschen Herbst“, gingen nach „Tunix“ weiter nach „Homolulu“, gegen die Atomkraft, gegen das Wettrüsten, auf zu „Occupy“ und „Blockupy“ und fanden uns vor zwei Wochen auf dem „CSD“ in Frankfurt und vor wenigen Tagen im „Warmen Wiesbaden“ wieder. Die Reise begann für uns in den Siebzigern, es war „Land in Sicht“ so dachten wir, „unter dem Pflaster lag der Strand“, da liegt er heute noch und „Wir wollten Alles“, auch das wollen wir heute noch.

Wir waren ausgezogen, manche von uns waren geflohen, aus den biederen, spießigen und prügelnden Elternhäusern der Republik. Ausgezogen und geflüchtet vor Unterdrückung, Bevormundung und roher Gewalt in der sogenannten „Keimzelle der Gesellschaft“, der „Familie“, geflüchtet vor Mama und Papa.

Wir sammelten uns in den Städten, in Wohngemeinschaften, in Kommunen und feierten unsere erlangte Freiheit. Wir begaben uns auf die Reise, wir suchten, probierten und experimentierten mit Allem. Eines jedoch war klar. Nie, nie, niemals werden wir heiraten. Die „bürgerliche Ehe“, die „Familie“ damit war Schluss. Das waren, sind Repressions- und Foltereinrichtungen dieses Systems, die Keimzellen des ganzen Übels.

Das war in den Siebzigern und gestern… Der 3. August 2013, war ein schöner, ein sehr schöner Tag, nach über 36 Jahren „Reise“ waren wir in Wiesbaden. Wir fanden uns wieder auf dem CSD in Wiesbaden und die wirklich sympathischen Mitdemonstranten fordern: Anerkennung, Gleichstellung, die Ehe und Akzeptanz.

Verständlich. Verstörend. Niederschmetternd. 

Das soll es dann gewesen sein? Wir heiraten, ziehen Kinder groß, waschen und rasieren uns, gehen frisch aufgebügelt ins Büro, malen einen Regenbogen davor, darüber, daneben oder darunter und alles ist gut? Anerkennung, Akzeptanz, Toleranz? Von wem, durch wen? Von den gesellschaftlichen Vertretern dieser bigotten und rassistischen Mehrheitsgesellschaft. Das war der Kampf? Das war das Ziel? Angekommen in der Mitte der bürgerlichen „Demokratie“ mit Eigenheim und Vorgartenidyll? Das wars? Das soll es gewesen sein?

Liebe Community, könnt ihr gerne machen, wir sind da raus! Die Segel werden nicht gestrichen, der Kurs wird neu bestimmt und die Reise geht weiter. Auf zu neuen Ufern.

1977. Aus dem „Deutschen Herbst“.

Wir kamen aus der „Bleiernen Zeit“, aus dem „Deutschen Herbst“, wir lebten in schwulen, lesbischen, in heterosexuellen, in gemischten, in frauen- und männerbewegten Wohngemeinschaften. Wir wollten eine andere Gesellschaft, eine andere Wirtschaftsform. Die Wohngemeinschaften, das, das waren unsere Keimzellen. Diese erzeugten Reibung und Widerstand. Von hier aus liefen wir Sturm, gegen Unterdrückung, Repression, bürgerliche Moral, gegen Atomkraft, für die Freiheit und das Recht ein menschenwürdiges Leben führen zu können.

Auf den Straßen unserer Städte und an den Bauplätzen der Atommeiler oder Startbahnen der Republik holten sich Tausende blutige Nasen und vom Tränengas verätzte Augen. Viele der Oppsitionellen erhielten Nachts Besuch, Wohngemeinschaften im ganzen Land wurden durchsucht. Die Republik war auf Terroristenjagd. Sie fanden verschlafene, erschrockene Menschen, nackt in ihren selbst gezimmerten Betten. Sie fanden rote, schwarze, schwarzrote und gelbe Fahnen mit roter Grinsesonne. Sie fanden Müsli, Kamillen- und Pfefferminztee aus biologisch-dynamischem Anbau, sind fanden Veränderungswillen und gelebte Ansätze für ein alternatives Gesellschaftssystem. Sie fanden uns. Sie fanden nicht das wonach sie vorgaben zu suchen.

Das war der „Deutsche Herbst“ die „Republik“ drehte am Rad, die entsprechenden Gesetze waren durch das Parlament und Dank der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt, dem „Lotsen“, erlassen worden (auf die SPD ist immer Verlass). Rasterfahndung, Radikalenerlass etc. pp. Die Spießbürger mutierten, wieder einmal, zu Helfershelfern, Denunzianten und Mittätern. Es herrschte Nachrichtensperre, alle, die ARD, das ZDF, alle Zeitungen hielten sich daran. Alle waren auf Terroristenjagd. Sie fanden nichts. Nichts außer Fahnen, Müsli, Kamillen- und Pfefferminztee.

1978. Auf nach Tunix!

Nach diesem unsäglichen Herbst, waren viele sauer, mächtig sauer. Nicht wegen der eingetretenen Wohnungstüren oder der nächtlichen Besuche. Alle waren sauer, dass die wenigen Freiheiten, die bereits erkämpft worden waren, unter dem Mantel der „Terrorbekämpfung“ wieder genommen wurden. Das sogenannte „aufgeklärte Bürgertum“ und die „freie Presse“ beteiligte sich willfährig mir nichts, dir nichts an der Demontage der ohnehin kleinen Freiheiten (wie heute wieder „Sicherheit vor Freiheit“).

Aus der gesamten westdeutschen Republik kamen etwa 20.000 Spontis, Autonome, Alternative und sonstwie Bewegte nach Berlin um in der TU zu beratschlagen, „wie weiter…“

Der Kongress redete, stritt leidenschaftlich, lachte lauthals, fluchte herzerfrischend und tanzte ausgelassen.

„Uns langt‘s jetzt hier! Der Winter ist uns zu trist, der Frühling zu verseucht und im Sommer ersticken wir hier. Uns stinkt schon lange der Mief aus den Amtsstuben, den Reaktoren und Fabriken und von den Stadtautobahnen. Die Maulkörbe schmecken uns nicht mehr und auch nicht mehr die plastikverschnürte Wurst. Das Bier ist uns zu schal und auch die spießige Moral. Wir woll‘n nicht mehr immer dieselbe Arbeit tun, immer die gleichen Gesichter zieh‘n. Sie haben uns genug kommandiert, die Gedanken kontrolliert, die Ideen, die Wohnung, die Pässe, die Fresse poliert. Wir lassen uns nicht mehr einmachen und kleinmachen und gleichmachen. Wir hauen alle ab! … zum Strand von Tunix.“

Tagelang redete man sich die Köpfe heiss, extern und intern wurde dem Kongress vorgeworfen eine „Parallelgesellschaft“ zur herrschenden etablieren zu wollen, anstatt die bestehenden Verhältnisse, da draußen, zu verändern. Wie mans macht, macht mans…

Heraus kamen eine linke unabhängige Tageszeitung, bis heute die einzige unabhängige Tageszeitung der Republik, die taz. Ein Partei-Projekt das sich zur Gründung der „Die Grünen“ mauserte (das war wohl nicht die beste Idee), die ersten Ansätze einer „Schwulenbewegung“, politische Netzwerke aller Art und eine Unmenge an alternativen Projekten in der gesamten BRD. Eine riesige Demo gabs auch, eine Deutschlandfahne soll gebrannt haben, da stürzten sich die „Maulkorb-Medien“ besonders drauf. Kein schlechtes Ergebnis… fürs Erste.

Keine Macht für Niemand. Befreit das Packeis. Unter dem Pflaster liegt der Strand. Wir wollen Alles.

1979. Angekommen in Homolulu.

Nein, nicht in Amsterdam. Da gab es ein Café gleichen Namens. Angekommen auf dem ersten Schwulen- und Lesben-Kongress in Westdeutschland, in Frankfurt. Auch eine Folge von Tunix.

Tausende von Schwulen und Lesben fanden sich für mehrere Tage in der Stadt, der J. W. von Goethe Universität ein und beratschlagten, redeten, stritten mit- und füreinander. Heraus kam ein Minimalkonsens,

• Wir verlangen, dass mit der Benachteiligung der Unverheirateten endgültig Schluss ist.

• Wir fordern die Gleichstellung im Erb- und Steuerrecht.

• Die Darstellung der Heterosexualität als einziger gesunder und wünschenswerter Form der Sexualität muss endlich ein Ende haben.

• Wir verlangen Unterstützung für eigenständige Institutionen von Schwulenzentren, schwulen Beratungsstellen und schwulen Gesundheitsorganisationen.

• Wir fordern das Recht der Schwulen, selbst in den öffentlichen Medien, Rundfunk und Fernsehen, arbeiten zu können. Wir fordern zwei Sitze im Rundfunkrat.

• Selbstdarstellung der Schwulen im Sexualunterricht muss möglich gemacht werden.

• Wir verlangen gesetzlichen Schutz vor Diskriminierung in allen Bereichen.

• Wir fordern Wiedergutmachung an den schwulen KZ-Opfern und völlige Rehabilitierung der Überlebenden.

• Wir fordern die Streichung des § 175 StGB und aller flankierender Gesetze und Bestimmungen.

• Wir wollen nicht nur in Homolulu, sondern überall frei und offen schwul sein.

Aus diesem Kongress, am Ende, formierte sich die erste große schwul-lesbische Demonstration mit mehreren tausend Teilnehmern in der Bundesrepublik. Ja, es war eine Demonstration, wir waren mittendrin, hier bewegte sich etwas. Es war keine Parade es war kein CSD. Die kamen in Folge dessen später, viel später.

Wir sind schwul, wir sind lesbisch, wir waren und wir sind Teil der undogmatischen und antiautoritären Linken. Vernetzt und engagiert in den sozialen Bewegungen, ob es gegen die Atomkraft, gegen die Wiederaufrüstung, oder gegen den zügellosen Finanzkapitalismus ging, oder für die Rechte der Frauen, Schwulen, Lesben und der Flüchtlinge. Es ging immer um Emanzipation, gesellschaftliche Veränderung, es ging und geht um die Überwindung des Systems, nicht dessen Reformierung.

Warum dieser Text? Wir tun uns schwer, schwer mit den heutigen CSDs, nicht wegen der Ausgelassenheit oder der Partystimmung, wir feiern sehr gerne und laut. Wir tun uns schwer mit der offensichtlichen „Verbürgerlichung“ der Schwulen und Lesben. Wir tun uns schwer mit der übergroßen Präsenz der sogenannten „bürgerlichen“ Parteien. Sicher, in diesen Parteien sind auch Schwule und Lesben, einige davon haben es in die Stadt- Landesparlamente oder den Bundestag geschafft, andere sind „nur“ deren Wähler. Sie, die schwul-lesbischen Volksvertreter werden nun auf den „CSD-Bühnen „interviewt“ und sie „schlagen“ sich wie echte Politprofis. Wir, wir indes sind Teil des Publikums schauen uns fragend an, wenden uns kopfschüttelnd ab, Fragen haben wir keine, die sind längst auf die eine Art oder Weise beantwortet… Wir bleiben solidarisch, damit hier keiner auf dumme Ideen kommt. Wir rufen zum „kritischen Block“, zum „Block in Pink“…

Vielen in der „Community“ geht es um Anerkennung, Toleranz, Akzeptanz, sie möchten der Teil „ganz normalen Gesellschaft“ werden, Vollmitglied also. Dann ist alles gut. Wirklich alles?

Es steht zu befürchten, das… Nein. Diese Gesellschaft basiert auf Konkurrenz, Auswahl und Auslese. Sie kennt kein „Wir“, sie ist kein soziales und schon gar kein solidarisches Projekt. Das Pendel das heute in die rechtliche Gleichstellung von Schwulen, Lesben  und „alternatives Lebensformen“ schlägt, wird morgen – unter veränderten wirtschaftlichen Bedingungen – in die andere Richtung ausschlagen. Die Demonstrationen im Frühjahr 2013 in Frankreich, haben das ganz klar gezeigt. Die rechtliche Gleichstellung ist kein Garant für ihre gesellschaftliche Entsprechung.

Wir, wir sind immer noch auf der Reise. Das Land ist immer noch in Sicht. Unter dem Pflaster liegt immer noch der Strand. Die Zeichen stehen auf Sturm. Der Wind ist schon gesät. Komm mit an Bord. Die Zeit ist auf unserer Seite. Volle Kraft voraus. Auf zu neuen Ufern.

what´s next? Baby! – Freiheit statt Angst.

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