10 Uhr 3 machte es KABOUUUM und er fiel, der Turm, wirbelte mächtig viel Staub auf, der Turm. Einige riefen: „Booah!“, „Das war toll.“, „Das war der Hammer.“, ein paar riefen: „Es war der Falsche!“, „Das machen wir jetzt jeden Sonntag!“. Nicht die schlechteste Idee an diesem Sonntag, bedeutungslose Türme hat Frankfurt zur Genüge.

Um die 30.000 Gaffer waren gekommen, am Sonntag, dem 2.2.2014, um ihn fallen zu sehen, den „hässlichen“ Turm. Ein Event sollte es werden, Frankfurt hat viel übrig für Events. Ablenkung und Unterhaltung stehen nicht nur in Frankfurt hoch im Kurs. „Brot und Spiele“… diesmal ne Sprengung. Hotels hatten ein Paket geschnürt: Ein Zimmer für zwei Personen mit Frühstück und Erinnerungs-DVD für 199 Euro. Schöne, neue Erlebniswelt.

1973 wurde er in Betrieb genommen, so nannte man das damals. Es war das höchste Gebäude der Stadt. Die Gesellschaftswissenschaften, Erziehungswissenschaften und die Psychologie zogen ein. Das war ein Signal. Frankfurt war eine quirlige, aufmüpfige, nicht hübsche, eine gegen den Strich gebürstete Stadt. Die Universität, die Studenten gaben den Ton an und das nun weithin sichtbar.

Es gab linke Professoren, linke Studenten, es gab große Demonstrationen gegen den Vietnam Krieg, für Chile und Portugal. Es gab Hausbesetzungen und Häuserkämpfe. Es gab Straßenschlachten für den Nulltarif im öffentlichen Nahverkehr und mittendrin stand der Turm. Der Uni-Turm.

Frankfurt war nicht glatt und poliert wie heute. Es war schroff, laut und widerborstig. Die Alte Oper war noch ein Trümmerhaufen, der Römerberg ein großes städtebauliches Loch mit Betonplatte.

Es gab kantige Politiker wie „Dynamit Rudi“, der 1965 vorschlug das Gebäude, die Ruine der Alten Oper, „mit ein wenig Dynamit“ zu sprengen. Er war zu der Zeit hessischer Wirtschaftsminister und später Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt – Rudi Arndt.

Das ist lange her, das ist lange vorbei. Die Alte Oper ist wieder aufgebaut, die Sandstein-Torte gehört langst wieder zum restaurativen „Stadtbild“ wie der Römer. Der Römer, ein potemkinsches, Mittelalter ähnliches Disney-Ding wird aktuell weiter vervollständigt. Die Paulskirche wurde ebenfalls wieder hin historisiert. Die Fenster haben nun wieder Laibungen und Sprossen. So hatte sie sie immer, die Wiege der deutschen Demokratie und sie ist wieder hübsch. Drumherum, um dieses wieder aufgehübschte „historische“ Frankfurt, stehen viele architektonisch bedeutungslose spiegelverglaste Glitzertürme. Banktürme. Das ist das „Neue Frankfurt“.

Mit dem Stadtplanungsprogramm „Neues Frankfurt“ zwischen 1925 und 1930, das als Projekt des Neuen Bauens ästhetische und gesellschaftliche Maßstäbe setzte hat das heutige „Neue Frankfurt“ nichts zu tun, ganz im Gegenteil.

Stromlinienförmige Gebäude für frisch geduschte, adrett aufgebügelte, stromlinienförmige Mitarbeiter, Bewohner und Konsumenten und die meisten Studenten, nun ja…

Nu isser weg der spröde Turm, schade. Die Idee, die Spreng-Events jetzt jeden Sonntag zu veranstalten, war wirklich nicht die schlechteste Idee an diesen Sonntag. Es bleibt dabei: Architektur muss viele Anforderungen erfüllen, hübsch muss sie nicht sein. Wirklich nicht.

„Es war der Falsche!“, der falsche Turm, der fiel.

http://youtu.be/CnnGYaqjW-A

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