Hier ist er, der Blogeintrag des Jahrtausends, der beste Artikel aller Zeiten, das stärkste Stück Geschreibsel im Universum! Stiftung Warentest urteilt „unglaublichfabelhaft“, 12,5 Millionen ADAC-Mitglieder halten das hier für den Artikel des Jahres und 12 von zehn Gala-Leserinnen sind „total aus dem Häuschen“. Die Quote bei der Zielgruppe beträgt 99,97385789 Prozent und selbst Angela Merkel öffnet kurz die Raute, um Applaus zu spenden.

Schon bemerkt? Es gibt gar keine Serien mehr im TV. Es gibt nur noch Superserien, Serien-Highlights und Serien-Sensationen. Es gibt auch keine Musik mehr, die man kaufen könnte. Es gibt nur noch Hits, Hit-Singles, Überraschungserfolge und – erneut – Sensationen. Folgerichtig gibt’s auch kaum noch Sportler. Es gibt nur noch Überflieger, Stars und Helden. Und auf der anderen Seite des Spektrums scheinen gar keine Dummheiten oder Unfälle mehr zu passieren – nur noch Unglücke, Schicksalsschläge und Katastrophen.

„Ja, das RTL“ höre ich Dich denken. Und wenn’s so wäre, wäre es nervig genug. Aber auch das Bezahlfernsehen, also das öffentlich-rechtliche, meint, der allgegenwärtigen Übertreibung hinterherquatschen zu müssen. Als (ich meine es war 2012) in Brandenburg ein Güterzug entgleiste, in ein Bahngebäude rummste und dabei ein Mensch ums Leben kam, sprach die Reporterin vor Ort, in der Heute-Sendung des altehrwürdigen ZDFs, tatsächlich von einer Katastrophe. Der Begriff schlug derart hart in meine Kopf auf, dass ich das Bild der Dame mit ihrem Mikrofon fast noch vor dem geistigen Auge sehe. Sie steht in der Nähe eines Klumpens verbogenen Metalls und statisch neu geordneten Steins und spricht von einer Katastrophe. Ui.

Sicher ist ein solches Geschehen schrecklich für die Betroffenen. Es gibt Angehörige, mit denen man nicht tauschen möchte und die Mitgefühl verdienen. Es gibt Dinge, die repariert oder ersetzt werden müssen. Das ist vielleicht lästig, schade und anstrengend, mehr aber nicht. Wenn aber nach neuer Lesart auch in seriösen Nachrichten ein (ein! 1!) tödlich Verunfallter eine Katastrophe ist, dann wird’s haarig. Dann gehen unseren Begriffen jegliche Relationen flöten. Dann wird es ungenau und es wird schwierig, Dinge noch richtig zu benennen und dorthin zu sortieren, wohin sie gehören. Man übertrage den Maßstab einfach auf tödliche Unfälle auf deutschen Autobahnen. Dort gibt es, pro Ereignis, mindestens dieselbe Zahl von Opfern und eine Zeitungsmeldung im Regionalteil. Zu Ende gedacht würde das bedeuten, der Begriff der Katastrophe misst sich an der Höhe des entstandenen Sachschadens. Das wäre eigenartig und über’s Jahr gesehen läge die Autobahn noch immer vorne.

Mein gefährliches Halbwissen erinnert sinngemäß ein chinesisches Sprichwort: „Ob es eine Katastrophe ist, weißt Du in fünf Jahren“. Das scheint mir der richtige Umgang mit derart großen Begriffen – respektvoll bis vorsichtig. Ansonsten passiert es nämlich, dass die Jahrhundertflut kurz nach Beginn des betreffenden Zeitraums stattfindet und schon wenige Jahre später kein Wort mehr übrig ist, wenn dieselben Flüsse über dieselben Ufer treten – ganz überraschend. Ich nannte das „Jahrhundertflut 2.0“ und bin gespannt – werde aber kaum erstaunt sein – wann das erste Jahrtausend-Ereignis aus dem Hut muss – die größte Katastrophe des Jahrtausends oder aller Zeiten sogar. Der tatsächlich größte anzunehmende Unfall unserer Zeit strahlt seit nunmehr fast drei Jahren vor sich hin, ganz ohne mit solch großen Begriffen beschrieben zu werden. Wäre er die Katastrophe des Jahrtausends, wenn das Mittelmeer verseucht würde, statt des Pazifik? Ist das Maß für die Beschreibung des Geschehens also von dessen Entfernung abhängig? Das ist wenig präzise aber viel zynisch.

Wenn sich aber die Entfernung zum Geschehnis auf die Wortwahl beim Berichten auswirkt, was juckt es uns dann, wenn jemand aus der Stratosphäre (verdammt weit weg) in einen Sandkasten in Amerika (auch noch ganz schön weit weg) hüpft? Und nicht genug, dass hier jemand aus dem Regionalteil in die weltweite Live-Berichterstattung gehüpft ist, er tut es obendrein als Held. Dieser Begriff nämlich beschreibt heute Spinner, die sich in ausreichend große Lebensgefahr begeben. Es ist aber nicht heldenhaft, sich abseits der Piste auf Brettern einen Berg hinabzustürzen oder nationale und internationale Wettbewerbe mit Autos, Schlägern oder Bällen zu gewinnen. Bälle/Balls/Eier brauchen Helden schon, wenn sie sich zwischen Streitende stellen, bewusstlose Autofahrer retten, indem sie sich vor sie setzen und sie ausbremsen oder sonst etwas tun, das Mut erfordert und im Kern selbstlos und vielleicht gefährlich ist.

Sportler aber sind Sportler und Extremsportler sind Extremsportler – sie haben fleißig geübt, trainiert und sich vorbereitet. Helden hingegen brauchen keine Ausbildung oder spezielles Training. Eine Notlage tritt ein und ein heldenhafter Mensch ist in der Situation mutig, blöd oder beides genug, um jemanden zu retten und Schlimmeres zu verhindern. Zu heldenhaft kennt der Duden die Synonyme beherzt, couragiert, furchtlos, kühn, mutig, tapfer und unverzagt. Ich kann nichts heldenhaftes daran finden, wenn sich Menschen, zum Spaß oder für Geld, in sportliche Extremsituationen bringen. Nicht jeder Schwachkopf, der vom Balkon der dritten Etage in einen Pool springt, ist ein Held – im Gegenteil, wenn man mich fragt.

Wir sind mit einer reichen Sprache gesegnet. Wir haben ausreichend passende Wörter für Gutes wie für Schlechtes. Und wenn ein Begriff allein nicht genügt, kann man ihn mit Adjektiven erhöhen oder verschlimmern – je nachdem. Stets den Superlativ zu verwenden, die stärksten Begriffe zu suchen und das nicht mehr steigerbare mit zeitlichen oder örtlichen Zusätzen zu vergrößern macht die Beschreibung ungenau und erschwert das Einsortieren dessen, was geschehen ist oder geleistet wurde. Und dann geschieht es, dass Fukushima ausgetretene Radioaktivität ist und ein zerklumpter Güterzug eine Katastrophe. Und das ist nicht erst in fünf Jahren schrecklich.

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