Es gab viele Reaktionen auf meinen letzten Artikel. Überraschend viele und vielschichtige. Es gab Solidarität und Gegenwind – beides ist wichtig. Den dabei größten Aufreger hat der CSD Frankfurt selbst produziert, indem er mir den DJ-Gig auf der Abschlussparty entzog. Einige konnten das gut verstehen und das kann ich nachvollziehen. Impulsiv und emotional mag man es verstehen.

Manche/r mag schon beim Einstieg denken: „Jetzt kartet er nach, jetzt ist Rache Blutwurst.“ Geschenkt. Darum geht es nicht. Und in einigen Reaktionen auf meinen Artikel des 20.07. haben viele – in Ihrer Aufregung – das worum es geht verfehlt. Viele scheinen persönlich aufs Füßchen getreten. Sie mögen vielleicht noch einmal nachlesen. Thomas Bäppler Wolf z.B. sieht sich einer „Hetzkampagne“ ausgesetzt. Wie putzig.

Was aber ist denn nun eigentlich – aus meiner Sicht – geschehen und warum? Wie beschrieben, las ich am Donnerstag, wer da auf dem und für den CSD spricht – und ich bin geplatzt. Darauf zu reagieren gab es mehrere Möglichkeiten: Eine davon war, zur Veranstaltung zu gehen und mit faulem Gemüse zu werfen. Eine Option, die wir durchaus diskutiert haben, die ich aber letztlich verwarf. Stattdessen bediente ich mich der Waffe, mit der ich umgehen kann – klar, Geschmacksache. Zusätzlich hätte es die Option gegeben, diese Karte erst nach der Party am Sonntag zu ziehen. Positionierung im Nachklapp – das ist feige. Das war mir nicht genug. Es gibt einen einzigen Vorwurf, den ich mir machen könnte und der ist, dass ich es nicht früher gesehen habe. Aber wie hätte ich das ahnen sollen? Der Rassist war zwei Jahre lang nicht auf der CSD-Bühne und ich habe Ihn/Sie dort nie wieder erwartet.

Also schrieb und veröffentlichte ich. Ich bezog und beziehe Position und wurde dafür recht unmittelbar ausgeladen. Der Preis der Positionierung? Nachvollziehbar für ein Unternehmen oder eine Partei. Aber nachvollziehbar für eine Veranstaltung, die um Toleranz wirbt? Das CSD-Motto verkommt zum Wahlversprechen. Und was ist die Botschaft solchen Handelns? Wohin führt das? Werfe ich künftig Gäste aus dem Club, wenn Ihnen meine Platten nicht gefallen? Oder erst, wenn sie das laut sagen? Und was, CSD, wenn Stefan den Artikel geschrieben hätte? Und was soll mit jenen geschehen, die „Gefällt mir“ gedrückt haben? Oder hätte ich ihn wohl veröffentlichen dürfen, aber nicht auf Deiner Seite? Wie wird man Persona non grata, wo zieht Ihr die Grenze? Gibt’s bestimmte Stichworte? Es ist ja nicht der erste ruppige Artikel in diesem Blog.

Und wie, CSD, positionierst Du Dich eigentlich, falls ein Unternehmen eine/n Mitarbeiter/-in feuert, weil er oder sie sich auf der CSD-Bühne über dessen Umgang mit Homosexuellen beklagt? Kannst und willst Du Dich dann positionieren? Oder kommt’s dann darauf an, ob das Unternehmen gleichsam Sponsor ist? Ich bin das Risiko eingegangen, den Job am Sonntag Abend zu riskieren, um klar Stellung zu beziehen. Dass „Brücken schlagen – Grenzen überwinden“ tatsächlich so weit ging mich rauszuwerfen, überraschte mich dennoch. Es ist eine Randnotiz, dass der Artikel dadurch erst so recht öffentlichkeitswirksam wurde. Ich halte die Reaktion für falsch – obendrein war sie offenbar ungeschickt.

Wie genau die Entscheidung zustande kam, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich vermute der/die ein oder andere fühlte sich auf’s Füßchen getreten. Offizielle Stellungnahmen waren und sind in all der Aufregung leider Fehlanzeige. Ich habe die Vorlage  genutzt und ein Ausfallhonorar aufgerufen, das der CSD spenden möge. Dazu hat sich der CSD bereit erklärt, nicht ohne mir mitzuteilen, dass er sich nicht in der Pflicht sähe, ein Ausfallhonorar zu zahlen. Man sei stattdessen „der Auffassung, dass Meinungsverschiedenheiten in gegenseitiger Achtung und Respekt intern diskutiert werden sollten und man nicht öffentlich den anderen und dessen Aktivitäten schlecht redet.“ Und später heißt es noch: „Abschließend möchten wir Dich bitten und halten es für angebracht, unsere gemeinsame Kommunikation nicht wie bisher über öffentliche Portale und Facebook zu führen.“ Sowie: „Unsere Türen jedenfalls stehen Dir und Euch offen und wir freuen uns auf konstruktive Ideen und Vorschläge.“

Es tut mir leid, CSD Frankfurt, ich kann und will dieser Bitte nicht nachkommen. Ich muss stattdessen fragen, was „intern“ bedeutet? Ich bin kein Mitglied des CSD-Orga-Teams oder des CSD Frankfurt e.V. Und wenn „intern“ geklärt ist – es also nicht-öffentlich bedeutet – dann stellen sich zwei Fragen. Die erste: Warum eigentlich? Der CSD ist öffentlich, der DJ ist öffentlich, Whats-Next ist öffentlich, Deine Absage meines Gigs war öffentlich und wir alle fordern gerne Transparenz von Unternehmen und Regierenden. Dann lass uns vorausgehen. Und die zweite: Wie oft denn noch? Viele, die mich kennen und wahrscheinlich ausnahmslos alle Schwulen, die mich kennen, kennen auch meine Meinung zu dieser selbsternannten Szene-Königin. Ich hielt damit nie hinterm Berg und ich habe mehr (deutlich mehr) als einmal ungefragt allen CSD-Verantwortlichen, die ich kenne, erklärt, warum Bäppi La Belle nicht auf dem CSD sprechen darf. Was ist seitdem geschehen? Wie kommt es, dass alle plötzlich abtauchten, die so trefflich mit mir darüber gelästert haben, dass es Bäppi und ihren Auftritten an jedwedem Witz fehlt – vor allem, wenn man die englische Bedeutung zu Grunde legt und dabei nach Intelligenz sucht? Wie kommt es, dass ich stattdessen „die Szene enttäuscht“ haben soll? Welchen Teil dieser „Szene“ denn? Jenen, der sich mit mir beim Bier das Maul über Bäppi zerrissen hat? Jenen Teil, der das hohle Gewese tatsächlich witzig findet? Ich komme in beiden Fällen zurecht. Es ist der Preis der Positionierung und ich bin bereit ihn zu zahlen. So ist das nunmal mit dem Positionieren, wenn man es tut, wird man angreifbar. Es nicht zu tun ist unmöglich, denn indem man nichts tut, hat man sich ebenfalls positioniert. Nur eben unauffällig und unangreifbar – kuschelig.

So kann man natürlich durch’s Leben gehen. Der CSD tut es, indem er Bäppi auftreten lässt und mich nicht. Die Beiträge auf der CSD-Webseite nach dem – ich nenne es einmal – Vorfall sprechen dieselbe Sprache. „na, wie wars?“ vermeidet Position und ergibt sich stattdessen in zweideutigem Gewäsch, und im jüngsten „Artikel“ zum Thema Düsseldorf steht tatsächlich „Achja, und wenn es politisch gerade nicht so fürchterlich unkorrekt wäre, dann würde ich mir jetzt schon ins Fäustchen lachen, wenn ich mir Bäppi La Belle auf der rheinischen Bühne vorstelle…“. Herrje was für ein labberiges Blabla, das ein bisschen stichelt und ein bisschen witzig sein möchte aber selbstverständlich jede echte Position vermeidet. Liest das niemand, eh es da im Namen des CSD veröffentlicht wird? Muss ich erklären, warum das daneben ist?

Thomas Bäppler Wolf schlängelt sich so durch’s Leben, wenn er auf seiner Facebook-Seite von einer Hetzkampagne fabuliert, dann aber – auf mehrfache Nachfrage seiner kommentierenden „Freunde“ – nicht den Mumm hat, den Grund seines Ärgers ebenso zu posten. (Ich war auf den Shitstorm seiner „Fans“ vorbereitet und hätte ihn sicher genossen.) Und auch einige Kommentatoren auf meiner Facebook-Seite tun es, wenn sie sich auf Nebenkriegsschauplätze, wie die steuerliche Recht- oder Unrechtmäßigkeit meiner Pseudo-Rechnung, stürzen, sich in eigenen Facebook-Präsenzen kryptisch über „Kritiker, die selbst nix tun“ äußern und in keinem der Fälle sagen/schreiben, worum es tatsächlich geht.

Mir genügt das nicht. Auch wenn ich noch lange nicht stets und überall den Ketzer geben kann. Ich positioniere mich im Job. Das werden meine Kollegen/-innen bestätigen, wenn man sie fragte. Ich positioniere mich als DJ, wenn ich beim Auflegen einen Anspruch an mich erhebe, dem meine Platten gerecht werden müssen. Und indem ich nicht einfach auflege, was – gemessen am Verkauf – gefällt. Und ich positioniere mich per Whats-Next.

Keine dieser Positionierungen ist ohne Risiko. Ich ecke an, und damit umzugehen ist auch für mein Umfeld Arbeit. Die souveränen Gegenüber, mit denen ich derzeit arbeite, können das – das war nicht immer so. Partygäste können das nicht immer, aber meist jage ich sie doch recht erfolgreich durch den Club oder über die Straße. Welche Folgen das Positionieren hier auf Whats-Next hat, das kann ich nicht abschätzen. Aber interessant ist doch, dass die erste unmittelbare Konsequenz auf mein Arbeitsleben aus der Toleranzecke kommt und nicht von einem Unternehmen oder einer staatlichen Institution.

Ich positioniere mich. Was willst Du tun, CSD? Wer willst Du sein und wohin willst Du? Bist Du ein Unternehmen, das teile des MUF, des Weihnachtsmarkts, das Schweizer-Straßenfest und dieses CSD-Sommerevent (worum ging’s da noch?) durchführt? Dann mach’ das. Gegen Feiern ist nichts zu sagen. Schreibe aber nicht „politisch“ drüber. Dann lade einmal im Jahr Homosexuelle zum Würstchenessen auf der Konsti ein und pampere dieselben mit Ständen und „Arenas“ beim Weihnachtsmarkt, auf der Dippemess, dem Wäldchestag, dem MUF usw. usf. Wahrscheinlich wirst Du mich bei keiner dieser Gelegenheiten mehr auflegen lassen. Du wirst mich aber nicht mehr explizit ausladen – nichts zu tun genügt ja dann völlig – kuschelig und egal. Tut keinem weh, wie meist die Musik- und Künstlerauswahl auf diesen Events.

Oder willst Du Dich positionieren, CSD Frankfurt? Dann lass’ Dich nicht länger mit diesem schäbigen Platz abschmatzen. Die Konstablerwache ist kein Gefallen der Stadt, er ist eine Zumutung. Und wenn die Stadt Frankfurt nicht verhandelt, dann verhandele Du auch nicht. Lass Frankfurt die Verantwortung dafür übernehmen, wenn kein CSD in Frankfurt stattfindet. Oder geh’ woanders hin. Die Straße gehört Dir. Geh nach Höchst, da kann ich Dir sogar helfen und es gibt schöne Plätze. Oder geh’ an den Main und nimm Dir den Platz. Ein paar Dixie-Klos lassen sich organisieren und von einem Lautsprecherwagen aus lässt sich auch wunderbar Musik spielen – Live-Musik lokaler Künstler z.B., die auch für kleines Geld oder für einen herumgehenden Hut spielen – und das glänzend. Ein Bierwagen wird sich finden und wer sonst noch was braucht, bringt es eben mit. Wer hat eigentlich bestimmt, dass ein CSD-Event drei Tage dauern muss? Du bestimmst, wie gefeiert wird. Du bist der Ausrichter.

Willst Du Dich positionieren, CSD Frankfurt? Dann schmeiß die Rassisten aus dem Programm, verzichte auf jene, die nur dabei sind, weil sie die Kontakte zu Gastronomen und Ausrüstern haben. Mach’s echt, mach’s wie Du es kannst, nicht wie andere es können. Denn im Moment bist Du korrupt und erpressbar. So erpressbar, dass Du (mit der Zahl arbeitest Du ja selbst) 100.000 € aufbringen musst, um nicht draufzulegen. Du bist erpressbar durch Sponsoren, durch die Stadt, durch Auflagen, dadurch, dass Du nicht stemmen kannst, was Du Dir jedes Jahr vornimmst. So erpressbar, dass Du mehr als zweifelhafte Menschen in Deine Organisation einbeziehen musst, um ihre Kontakte zu nutzen.

Du willst eine Demo, keinen Umzug? Dann schmeiß endlich die etablierten Parteien aus dem Zug. Selbst wenn „schwul“ oder „schwullesbisch“ dran steht, sind es dieselben machtgeilen Hanseln, die Politiker nunmal sind. Ein für alle mal: Einen Schwanz zu lutschen macht niemanden zu einem Gutmenschen! Sei laut, bunt und schrill, aber sei kein Zirkus mit überkandidelten Mottowagen. Du, der Veranstalter, bestimmst wie eine Demo sein soll. Dann musst Du anschließend auch nicht fragen wie es war. Und jene auszuladen, die Ihre Versprechen an die LGBT-Community genauso regelmäßig brechen, wie bei jeder anderen „das-ist-gerade-total-angesagt“-Gruppierung, ist keine Ausgrenzung. Es ist eine Konsequenz aus ihrem Handeln und es ist eine Positionierung.

Willst Du Dich positionieren, CSD? Du bist vernetzt. Mindestens deutschlandweit. Aber Du nutzt die Vernetzung, um die Veranstaltung möglichst gewinnbringend über Deutschland zu verteilen. Dieselben CSD-Hopper können nicht gleichzeitig in Köln, Hamburg, Berlin und Frankfurt sein. Sie sollen aber ihr Geld vor allen Bühnen und ihre Ärsche in allen Darkrooms lassen. Willst Du Aufmerksamkeit, CSD? Dann ehre die Stonewall-Riots, an einem Tag – deutschland- europa- oder am besten weltweit. Dann glaube ich, dass es um die Sache geht und nicht ums Geld.

Der Preis dieser Positionierung ist klar: Gegenwind aus den Reihen, die Du für Deine eigenen hieltest. Wenn ein Blog-Post genügt, dann dürfte die Positionierung in solchem Ausmaß weit größeren Wirbel hervorrufen. Gut so. Der Preis ist, lokal kleiner zu sein aber möglicherweise im Ganzen größer. Die Auseinandersetzungen werden hart sein und Kraft kosten, das steht außer Frage. Viele werden enttäuscht sein, wenn die große Party zum CSD ausfällt und man ihnen Selbstermächtigung oder Selbstbestimmung abverlangt. Ein CSD, der sich positioniert, wird weniger Menschen anziehen – auf jeden Fall weniger CSD-Touristen.

Aber, CSD, es gibt auch einen Lohn für die Positionierung. Mir persönlich zeigt das der Teil meines Umfelds, der nicht ausweicht, der sich mir stellt. Auch die Welle der Solidarität nach meinem Artikel ist der Lohn meiner Positionierung. Und Dein Lohn könnte sein, wirklich solidarische Mitstreiter/-innen zu finden. Zu wissen, wer bisher nur Claqueur war und wer tatsächlich eine gemeinsame Idee mit Dir verfolgt, das ist kein Preis, das ist der Lohn dafür, Stellung zu beziehen. Die Vorzeichen umzudrehen, ist ein Preis der Positionierung. Endlich zu agieren, statt immer nur auf das zu reagieren, was die Gesellschaft, die Politik oder das Geld vorschreiben. Endlich gestalten, statt zu verwalten. Wirf Dich mit Verve in die Kreation eines Ereignisses, statt Dich schnell und devot auf die Brosamen zu werfen, die Dir eine Politik hinwirft, die so tut, als nähmen sie Dich ernst. Sprich nicht im Römer – dort wirst Du nur geduldet. Sprich wo Du willst. Frag nicht, wie es war. Mache wie es ist. Wenn Du Dich daran messen lässt, ob Du die besten Würstchen, das kälteste Bier oder die besten Andrea-Berg-Doubles hast, dann rede nicht davon, politischer werden zu wollen. Wenn Du endlich und deutlich Positionen einnimmst, dann gehen die, die mitgehen, dorthin wohin alle gemeinsam gehen wollen…

…über den Regenbogen hinaus.

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