Auf zum Streik! Alle Räder stehen still, wenn … So kämpferisch das ist und klingt, so wenig „beliebt“ ist dieses durch die Verfassung verbriefte Recht bei den bundesdeutschen „Beschäftigten“. Sie verstehen sich als „Arbeitnehmer, Angestellte, Leistungsträger, Mitarbeiter, freie Mitarbeiter“ und ähnlichen Blödsinn mehr. Als Arbeiter verstehen sie sich alle nicht oder nicht mehr. Sie sind teil einer „großen Familie“, sie sind Sozialpartner, leben in einer sozialen Marktwirtschaft im sozialen Frieden mit Friedenspflicht. Da geht Streik überhaupt nicht. Streik ist hierzulande offenbar Pfui, ganz großes Pfui.

Und weil das so ist, sind sie kaum noch organisiert und schon gar nicht gewerkschaftlich. Gewerkschaft das war gestern. Gewerkschaft das riecht nach Ärger und Ärger mag man nicht. Auch PFUI. Man hat glücklicherweise einen Arbeitsplatz, einen netten „Chef“, der hat immer ein offenes Ohr und manchmal darf man etwas früher gehen oder bekommt einen freiwilligen Bonus für Wohlverhalten oder überdurchschnittliche „Leistungen“. Abends darf man Heim bleibt aber lieber erreichbar… Voll PFUI – so ein Arbeitsplatz ist kostbar. Jeder wurstelt und verhandelt für sich. Eine große, glückliche und freundliche Familie. Fast wie die in der Werbung bei der immer die Sonne beim nachhaltigen Frühstück scheint. PFFFR-BÄH…wisch mir die Zunge ab… PFUI.

Die Gewerkschaften sahen und sehen das wohl ähnlich und wurden so über die Jahrzehnte hinweg von „Kampforganisationen der Arbeiterklasse“ zu Interessenvertretungen der „Arbeitnehmer“, die ja nun alle keine Arbeiter mehr sein wollten, sie wurden zu Traditionsvereinen und nun ja… zu „Sozialpartnern“… Ganz PFUI. „Arbeitskämpfe“ fanden kaum noch statt (wie auch ohne Arbeiter). Als verantwortungsvoller Partner bricht man nicht – mir nichts dir nichts – einen Streit vom Zaum. Man vertrug sich immer und zusehends besser. PFUI,  PFUI… Wenn eine neue Tarifrunde anstand gabs Gespräche, Verhandlungen, Häppchen, Appelle und ähnliches mehr. Wenn der andere „Partner“ zu sehr bockte, rang man sich zu „Warnstreiks“, also kurzfristigen Arbeitsniederlegungen, inszeniertes PFUI durch, immer darauf bedacht nicht zuviel Ärger oder Unruhe zu verursachen um schnellstmöglich wieder an die hübsch gedeckten Häppchentische zurück zu dürfen… voll devot und PFUI!

Genauso wenig wie es noch Arbeiter, Arbeiterorganisationen oder deren Interessensvertretungen in der Nachkriegsrepublik gab, gab es Kapitalisten. Nein das gab es nicht mehr. Und wenn es sie gab dann saßen die im Osten, also bei den Russen. Hier war Marktwirtschaft. Die Marktwirtschaft war sozial und sorgte für immer währendes Wachstum. Das war mal größer, mal kleiner und wie es sich für gute Partner gehört machte man sich auf die bevorstehenden Schwankungen aufmerksam, um die Beschäftigungs- und Produktionsverhältnisse nicht zu gefährden. „Zur Not musste man den Gürtel eben etwas enger schnallen“. Das wurde republikanische Tradition und das war wirklich PFUI. Verdammt Pfui.

So kam es, dass Tarifverhandlungen bzw. Lohnrunden – Lohnrunden ist einfach der familienfreundlichere Begriff – zunächst moderat ausfielen dann und wann ausgesetzt wurden, über Jahre hinweg zu Nullrunden wurden. Die Produktions-, Umsatz-, Exportzahlen und Gewinne der Unternehmen dagegen stiegen und stiegen.

Immer weniger „Arbeiter“, die ja keine mehr sein wollten, organisierten sich gewerkschaftlich – wozu auch… Dummes… Voll PFUI.

Die Gewerkschaften, ohnehin schon nicht sonderlich kämpferisch… äh-Bäh und PFUI, fanden sich geschwächt mit ihrer Rolle ab, begnügten sich mit den Häppchen während der Lohnrunden und zeigten Verantwortung als Sozialpartner.

Es gab immer auch kämpferische Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen. Manche von ihnen arbeiteten innerhalb der großen Verbände andere organisierten sich in den sogenannten Sparten- oder Branchengewerkschaften. Klassenkämpferische organisierten sich in der FAU oder IWW. Es gilt die Koalitionsfreiheit. Das wurde auch vom Verfassungsgericht ausdrücklich bestätigt, und innerhalb eines Betriebes kann und darf es mehrere gleichberechtigte Arbeitervertretungen und Tarifverträge geben. Das Streikrecht gilt uneingeschränkt, von der Verfassung verbrieft.

Diese „kleineren“ Gewerkschaften schafften es, mit zähen Verhandlungen und ernstgemeinten Streiks, mehr für ihre organisierten Mitglieder aus den Tarifverhandlungen herauszuholen. Das brachte nicht nur die sogenannten „Arbeitgeber“ (BDA), nein, auch die sogenannten „Arbeitnehmervertreter“ (DGB) auf den Plan. Man Begriff die „Neuen“, die „Kleinen“ als Bedrohung und Konkurrenz. Das Pickel im Vorbeigehen kriegen PFUI!

Und weil man sich die ganzen Jahre so verantwortungsvoll, sozialpartnerschaftlich miteinander im Sinne der Wirtschaft verhalten und stets geeinigt hatte entwickelte man einen Plan. Einen Plan der sich „Tarifeinheit“ nannte und nennt. Das sozialdemokratische, unterwürfige Ekel-PFUI.

Kurz zusammengefasst funktioniert der Plan so: Es kann mehrere Gewerkschaften in einem Betrieb geben, berechtigt einen Tarifvertrag auszuhandeln oder zu Kampfmaßnahmen – also Streiks aufzurufen – ist immer nur die Größte. Punkt. Die vermeintlich kleineren sind angeschissen und der „Betriebsfrieden“ bleibt gewahrt. Das ist gesetz- und verfassungswidrig und dennoch seit Jahren immer wieder Thema. Das vorhersehbare Medien und Politik… PFUI!

Mit „Einheit“ kann man in Deutschland immer Punkten. Einheit das mögen alle. Einheit ist Super. Einheit ist Duper. Das hat zunächst auch prima geklappt BDA und DGB waren sich sicher… und der Applaus aus Politik und Medien war groß. Nur war und ist der Plan schlichtweg verfassungswidrig. Bautz.

Seither wird bei jedem Streik, vor allem wenn gerade mal wieder die Piloten oder Zugführer streiken, dieser Plan wieder und wieder aus der Schublade geholt, damit herum gewedelt und Politik gemacht. Die Medien veranstalten einen Riesen-Tam-Tam, schwafeln von Geiselhaft und dem Zusammenbruch des Gemeinwesens. Sie rennen, mit Mikrophonen und Kameras bewaffnet, die Bahnsteige herauf und herunter, auf der Suche nach „Streikopfern“, interviewen völlig desorientiert an Flughäfen Festsitzende, die den Tränen nahe sind, von Gewalt faseln und sich als Geiseln bezeichnende Schicksale, die von Verantwortungslosen nur auf ihren Vorteil bedachten „priviligierten Berufsgruppen (z.B. Piloten, Zugführer)“ drangsaliert und… So eine gequirlte Scheiße.

Auf die Idee, daraus zu lernen, sich ebenfalls zu organisieren, sich mit den Streikenden zu solidarisieren und genauso kämpferisch für ihre Rechte einzutreten, kommen die weichgekochten Marktwirtschaftlinge nicht. Nein, tun sie nicht, sie müssten sich eingestehen, dass sie sich jahrzehntelang am Nasenring durch die kapitalistische Republik haben führen lassen.

Die Konzerne (z.B. Deutsche Bahn, Lufthansa) die mit ihrer bedingungslosen und auf Eskalation ausgelegten Verhandlungsführung den Streik, die Streiks, erst heraufbeschworen haben, die, die trifft der Vorwurf der Geiselnahme bzw. der Erpressung nicht. Hat er noch nie – es sind „verantwortungsvoll wirtschaftende, global vernetzte Unternehmen die… die einfach nicht anders können als“… und außerdem garantieren sie ja Arbeitsplätze und seien sie noch so prekär. Immerhin Arbeitsplätze.

So kommt bei jedem Streik, die „Tarifeinheit“ und die Einschränkung des Streikrechts immer wieder auf den Plan. Teile der DGB-Gewerkschaften distanzieren sich mittlerweile davon. Doch dank der SPD hat es dieser verfassungswidrige Vorstoß in den Koalitionsvertrag geschafft. Nahles tüftelt weiter daran herum – wer Hartz IV kann, kann auch Tarifeinheit.

So bescheuert wie diese Gewerkschaften, diese Sozialdemokraten, diese „Arbeitnehmer“ in diesem Land muss man erst einmal sein, man schränkt „freiwillig“ von der Verfassung verbriefte Rechte ein um des „lieben Friedens“ Willen, wo Proteststürme und Streikwellen die richtige und einzige Antwort wären.

Es geht nicht um weniger Streikrecht, es geht um mehr Streikrecht, es braucht politische Streiks, soziale Streiks, es braucht grenzüberschreitende, europäische Generalstreiks. Lasst uns daran arbeiten und streiken was das Zeug hält. Verdammt.

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