Da waren die Kölner Kollegen aber überrascht. Darauf waren sie nicht vorbereitet. Wie auch. Da geht man wie üblich missgelaunt, aber irgendwie glücklich, dass man noch arbeiten darf „uff Maloche“ und dann kommt da vollkommen unerwartet und unangemeldet Besuch von der Familie. Der Besuch war irgendwie schlecht gelaunt. Sehr schlecht gelaunt.

Wirklich schlecht gelaunt. Aus dieser schlechten Laune heraus entschieden sich die belgischen Kollegen „der großen und glücklichen Ford Automobil Familie“ nicht mehr länger vor den von ihnen bestreiken Fabriktoren in Genk (spricht sich „chenk“ und liegt im flämischen Teil Belgiens – also europäische Nachbarschaft) herumzustehen um, ja warum? Das Werk in Genk soll geschlossen werden. Ein paar tausend Jobs, Existenzen, Familien, Menschen werden ganz legal und ganz im Sinne der global akzeptierten Arbeits- und Produktionsethik freigesetzt. Sie stehen frustriert, missmutig, frierend und streikend vor den Werkstoren in Genk. Es ist November, saukalt und nass.

Sie entscheiden sich für einen Betriebsausflug. Busse werden gechartert und los geht es. Fahrend im geheizten Bus steigt die Laune merklich. Wir fahren nach Köln (Köln Niehl) zu Freunden, Kollegen und dem europäischen „Headquarter“ von Ford. Also nach Hause. Sie möchten mit den guten Onkels daheim in Deutschland reden. Kaum angekommen wird ihnen klar, die wollen aber gar nicht reden und freuen sich überhaupt nicht den unangemeldeten Besuch.

Eilig, reflexartig schützen die Besuchten ihre Burg. Der Werkschutz, neudeutsch die „Security“, macht die Tore dicht. Das ist wie: es klingelt, du bist zuhause und weisst das ist die unangekündigte, nervige Verwandtschaft und du stellst dich tot in der Hoffnung, sie zieht unverrichteter Dinge ihres Weges.

Nicht mit unseren belgischen „Jongens“ und „Meisjes“. Die sind einigermaßen durch die Busfahrt aufgewärmt und schon wieder nicht mehr ganz entspannt. Gemeinsam stürmen sie das Firmengelände. Es besteht einfach Redebedarf. Diese Einschätzung wird allerdings von den Besuchten nicht geteilt. Die unfreiwillig besuchten Vortänzer der europäischen Ford Automobil Familie kneifen und rufen laut und deutlich: Hilfe, Hilfe, Überfall, POLIZEI. Und die kommt. Sie kommt in Mannschaftsstärke mit Hubschrabb-schrabb und lautem Geheul.

Den belgischen Besuchern wird nach ein paar Rangeleien mit der Verwandtschaft wieder kalt. Die schnell gefundene Lösung ein paar Gummireifen energetisch sinnvoll einzusetzen stößt auf wenig Gegenliebe bei den besuchten Hausherren. Das ist ganz schlecht für die Umwelt. Die Situation ist einigermaßen unübersichtlich, deshalb entschließen sich die besuchten Werktätigen auf deutscher Seite sich da besser rauszuhalten und verstört weiter zu arbeiten. Der Betriebsrat findet den Besuch auch äußerst uncool und hält sich kritisch beobachtend aber vornehm zurück.

Nach einigem hin und her beruhigt sich das Ganze wieder. Doch Friede, Freude, Eierkuchen steht nicht auf der Speisekarte. Die Betriebsleitung will keine Anzeige gegen die unangemeldeten Besucher erstatten. Die Betriebskantine findet sogar heißen Kaffe und Essbares für die Verwandtschaft. Doch jetzt ist die Staatsanwaltschaft schlecht gelaunt. Nachbarn können mit ihren Familienstreitigkeiten echt lästig werden und da hilft nur noch Recht und Gesetz.

Für ihren unangemeldeten Besuch werden die Freunde, Kollegen und Mitglieder der globalen Ford Familie nun eingekesselt, erkennungsdienstlich behandelt, um in naher Zukunft wegen „schwerem Landesfriedenburchs“ belangt zu werden.

Ich nenne das einen wirklich gelungenen Betriebsausflug. Den Gewerkschaftsvertretern, der Belegschaft, dem Betriebsrat in Köln Niehl wünsche ich, dass sie nie zur Familie fahren müssen um enttäuscht feststellen zu müssen, dass sie dort nicht erwünscht sind. Solidarität geht ganz anders. Ich plädiere hier für einen Bildungsurlaub – der europäische Süden bietet sich hier geradezu an.

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