Da sitzt sie nun frisch geduscht, adrett frisiert mit Ihrem Schälchen und ist wachgeworden, mon dieu. In ein paar Tagen soll es losgehen mit einem farbenfrohen Fest der Ballspiele an denen jeder hemmungslos mit Nationalfahnen unbeschwert vor sich hinwedeln darf und wird. Das sind natürlich alles keine Nationalisten, iwo. Darüber sind wir hier in good ol’ Europe längst hinweg; gelernt ist gelernt.

Da sitzt sie also etwas schmallippig und ihr stößt auf, dass es den Anschein hat, dass es auch während der EM2016 zu Demonstrationen, Streiks und Blockaden kommen könnte, wahrscheinlich auch kommen wird. Das wäre ärgerlich weil es doch ein französisches Sommermärchen hätte werden sollen, trotz ausgerufenem und von Hollands bzw. Valls CRS-Gas-Truppen rigoros umgesetzten Ausnahmezustand. Die Garderobe und das Make-up hatte die eloquente Mitarbeiterin schon exakt aufeinander abgestimmt mehrfach durchgespielt.

Doch nun könnte dieser Sommertraum einfach so in Tränengasschwaden versinken. Sie hofft inständig darauf, dass die groben Menschen der Gewerkschaften und deren militante Freunde ein Einsehen haben mögen und dass der Nationalstolz der Aufgebrachten obsiegen und das Fest der Balldemokratie unter Militär und Polizeischutz farbenfroh und beschwingt stattfinden könne. Ihre sorgsam gewählten Komplets würden die ZuseherInnen daheim in der sozialpartnerschaftlichen Agenda-Republik zu gutieren wissen. « Paris est magique ».

« Paris est magique » stand auch auf einen Banner der sogenannten Casseurs, also den ganz bösen Jungen und Mädchen auf einer sogenannten Manif Sauvage im März bei der es heftigst krachte. Alles nur weil die Kollegen sich auf gar keinen Fall mit einer französischen Agenda 2010 anfreunden und sich ihr unterwerfen wollen.

Seit März gibt es in ganz Frankreich fast täglich heftige und große – sehr große – Demonstrationen, Streiks, Blockaden. Sie endeten fast immer in beißendem Tränengasnebel, Prügelorgien samt Verletzten und unzähligen Verhaftungen. Es gab und gibt seit dem 31. März (einem der großen Aktionstage gegen das verhasste Loi Travail kurz Loi Khomri, nach dem Namen der Arbeitsministerin benannten Gesetztesvorhabens) im ganzen Land teils ständige Vollversammlungen, genannt Nuit Debout, die, ähnlich wie die Indignados in Spanien  und Occupy Wall Street in den USA, echte Demokratie und einen Systemwechsel von unten, also von der diskutierenden Basis aus fordern.

Um diesen radikalen Politikansatz neu auf Vollversammlungen zu verhandeln, wurde zuerst der Ablauf des Kalenders geändert. Ganz demokratisch. Seit dem 31. März wird weitergezählt.

« Mars, ou rien » – März, oder nichts. Will heißen: solange dieses Gesetz, diese Regierung, dieses System nicht zurückgezogen, gestürtzt bzw. auf dem Schutthaufen der Geschichte gelandet ist, schreiben wir den Monat des Aufstands dagegen weiter. Nach der tradierten Form schreiben wir heute in den neoliberal betäubten Gesellschaften den 6. Juni, auf der Place de la Republique in Paris und 300 weiteren Städten ist heute der der 98. März | 98Mars. Es könnte also durchaus sein, dass die so sehr auf ihr gepflegtes Erscheinungsbild bedachte Kollegin der berichtenden Zunft sich noch etwas gedulden muss bis der Sommermärchenball ins Rollen kommt. Bis zum 10. Juni ist es noch lange hin.

Für die Korrespondierende, bei allem professionellen Verständnis, bleibt uns nur zu sagen… Nous ne sommes pas désolé, mon cher – Es tut uns nicht leid, Teuerste.

Es gab einen Vorschlag auf einem Transparent während der Manif26Mai, am 87. März, der etwas für sich hatte und hängen blieb…

« Soyons ingouvernables » *.

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* Das übersetzen wir mit böser Absicht nicht 🙂

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