2012. Noch zeigt sich die dunkle Seite der Macht unbeeindruckt. Noch. Dennoch, geriet sie unter Druck und reagierte panisch. Noch hat sie die vermeintliche Deutungshoheit, kontrolliert die Mikrophone, die Sendezeit und die bezahlten Schreiberlinge. Noch. Noch? Nein, nein nicht mehr ganz. Die sogenannten Krisenproteste sind lauter, bunter, breiter, kreativer, internationaler und stellen vermehrt und kaum mehr überhörbar die Systemfrage. Seit Jahren tobt die Krise. Sie tobt rund um den Planeten, ruft Massenproteste hervor und die „Eliten“ versuchen diese zu ignorieren, zu verschweigen, zu diskreditieren, zu diskriminieren und zu kriminalisieren. Mit Erfolg. Mit zweifelhaftem Erfolg, denn die Proteste werden größer, entschlossener, entschiedener, dauerhafter, vielfältiger und durchbrechen vermehrt das Schweigegelübde der Medien.

Kampieren, blockieren und demonstrieren.

16. – 19. Mai 2012. Das Bündnis „Blockupy Frankfurt“ hatte europaweit zur Blockade des europäischen Finanzzentrums an vier aufeinander folgenden Tagen aufgerufen und mobilisierte entsprechend. Die Stadt Frankfurt war panisch und verbot schon im Vorfeld alle Veranstaltungen, ließ sich dies per Gerichtsentscheid bestätigen und setzte diese Verbote mit aller Vehemenz durch. Weltoffen und liberal, das war gestern. Nun glich die Innenstadt, das Finanzzentrum, einem Heerlager. Der Blockadeaufruf von „Blockupy Frankfurt“ wurde nicht von den Aktivisten umgesetzt und realisiert, nein das haben die Truppen der Regierenden übernommen. Gefeiert wurde die erfolgreiche Blockade durch eine weltoffene, internationale, grundentspannte Demonstration zum Abschluss der Aktionstage am 19. Mai 2012 an der mehrere zehntausend Menschen teilnahmen und die gezielten Provokationen, der in ihren Aufstandsbekämpfungsmonturen vor sich hin schwitzenden „Ordnungshüter“, so gut es eben ging ignorierten oder mit Gelassenheit und Spott quittierten. Bis zum nächsten Mal …

Am Ort des Geschehens. Immer, immer und immer wieder.

25. September 2012. Der Ort des Geschehens ist Madrid, genauer der „Congreso de los Diputados“ (das spanische Parlament). Die „Coordinadora 25S“ ruft zur Umrundung, Umzingelung, zur „Rodea el Congreso“ auf. Im Parlament werden die „Reformen“ und „Sparpakete“ vorbereitet und liegen zur Verabschiedung vor. „25S“ will die Demokratie vor ihren „Politikern“ schützen. Dieser Aufruf wird von Regierungsseite medial zum Putschversuch hochstilisiert, ein demokratiebedrohendes Szenario wird heraufbeschworen, pausenlos gesendet und in allen regierungsnahen Zeitungen veröffentlicht. Abertausende versammeln sich dennoch und umrunden friedlich den mit Sperrgittern verrammelten „Congreso“. Mit hochgehobenen Händen rufen sie „Das sind unsere Waffen“ immer und immer wieder, friedlich und unbewaffnet. Abgeordnete kommen nur noch unter Schwierigkeiten und nach massiven Kontrollen an ihren „Arbeitsplatz“. Aufgeputscht und bewaffnet sind die „Ordnungshüter“ und schlagen auf alles ein das sich in Reichweite ihrer Schlagstöcke befindet. Eine Prügelorgie die in den Medien um die ganze Welt geht. Spontan finden sich am 26. September wieder Demonstranten am Ort des Geschehens ein um gegen die Brutalität der Polizeieinsätze zu demonstrieren, während zeitgleich landesweit zu „29S“ mobilisiert wird. Die erneute „Rodea el Congreso“ wird nun nicht mehr nur in Madrid, sie wird in allen größeren Städten Spaniens stattfinden. Immer, und immer wieder…

Geistesgegenwärtig, vorausschauend, intelligent und medienwirksam

12. November 2012. Die „heimliche“ Frontfrau der europäischen Austeritätspolitik besucht den „Musterknaben“ Portugal, der bisher allen Sparmaßnahmen pflichtbewusst und gehorsam gefolgt und nun, infolge dessen noch tiefer in die Krise geschlittert war. Durchhalten ist die offizielle Parole. Das wird schon. Geduld und weiter so. Dagegen gehen große Teile des portugiesischen Volkes massenhaft auf die Straße. So auch am 12. November. Im Vorfeld des „Besuches“ der Dame veröffentlichten 100 Interlektuelle und Kulturschaffende an „Cara Chanceler Merkel“ einen offenen Brief, in dem sie die Bundeskanzlerin zur unerwünschten Person (Persona non Grata) erklären und wieder ausladen. Der Brief zeigt Wirkung, nicht bei der Kanzlerin, bei den deutschen Medien wird dieser Brief zur gesendeten und geschriebenen Nachricht. Die Blockade war durchbrochen. Der Besuch fand statt. Die Proteste dagegen, auf der Straße auch. Wissend, dass nicht alle die gegen diesen „Besuch“ auf offener Straße würden protestieren können, wurde dazu aufgerufen die Denkmäler des Landes schwarz zu verhüllen, schwarze Kleidung bei der Arbeit zu tragen und schwarze Bänder oder Tücher aus den Fenstern oder an Balkone zu hängen. Intelligent und vorausschauend…

Grenzüberschreitend organisiert und solidarisch.

14. November 2012. Demonstrationen, Streiks, Generalstreiks gehören seit „Ausbruch der Krise 2008“ zum Alltag im südlichen Europa. Die Verursacher, die Banken, die Märkte, die von deren Gnade abhängigen Regierungen und Politiker wursteln, reformieren, sparen, gipfeln, rettungsschirmen herum, um zu retten was was noch zu retten ist – das System. Lokale Proteste, lokale Streiks, landesweite Generalstreiks damit hatte man gerechnet und in die „Kosten der Krise“ bereits eingepreist, die eine Milliarde hin oder her. Was solls. Zynisch, menschenverachtend, bis an die Zähne bewaffnet und irgendwie demokratisch legitimiert würde man das Kind schon medienwirksam schaukeln. Getrieben durch die Wut, den Zorn der eigenen organisierten Basis gerieten die noch immer mehrheitlich sozialpartnerschaftlich ausgerichteten Gewerkschaftsfunktionäre derart unter Druck, den sie ihrerseits an den europäischen Gewerkschaftsbund weitergaben, ihm die „Pistole“ auf die berühmte Brust setzten und unter Androhung des Austritts diesen zwangen den „European Day of Action and Solidarity on 14th November 2012, including Strikes, Demonstrations, Rallies and other Actions“ auszurufen. In Portugal und Spanien war der Generalstreik ausgerufen, in Italien der Generalstreik „am Nachmittag“, Griechenland hatte den Generalstreik aus gegebenem Anlass um Tage, auf den 6. und 7. November vorgezogen. Wie in Italien waren es die Schüler und Studenten, die in Frankreich auf den Straßen demonstrierten, in Belgien legten die Eisenbahner für 24 Stunden den Verkehr lahm und in Deutschland gingen in vielen Städten jeweils einige hundert bis tausend Menschen aus Solidarität auf die Straße, während in Portugal und Spanien Hunderttausende, Millionen die Straßen und Plätze füllten. Ein historischer Tag in der Geschichte Europas, doch auch das ließ die „Eliten“ unbeeindruckt, bislang…

Landesweit, privat und subversiv.

20. November 2012. Generalstreik in Argentinien. Streikposten blockierten die Hauptzufahrtsstraßen von Buenos Aires. Das öffentliche Leben war fast vollständig lahmgelegt. Generalstreik. Im Gegensatz zu Europa wo Massendemonstrationen das Bild prägten blieb man in Argentinien zuhause. Keine Kundgebungen. Es war Generalstreik. Gearbeitet wurde nicht. Man verbrachte den Tag mit der Familie, Freunden und Kollegen im Privaten. Die Polizei, die Aufstandsbekämpfungseinheiten, die „Riot Cops“ standen sich in voller Montur die Beine in den Bauch. Niemand gab ihnen Arbeit. Niemand war auf der Straße. Man war privat und subversiv…

Schweigend, vermummt und gemeinsam marschierend.

21. Dezember 2012. Chiapas, Mexico. Zum von westlichen „Wissenschaftlern“ und „okkulten Esoterikspinnern“ ausgerufenen „Maya-Kalender-Weltuntergangs-Szenario“ setzten sich die Nachfahren eben dieser Maya in Bewegung. In Chiapas. Mehrere zehntausend Zapatistas, organisiert in der indigenen Befreiungsbewegung EZLN, setzen sich vermummt in Bewegung und marschieren stundenlang, ohne auch nur ein Wort zu wechseln, in die lokalen Zentren der mexikanischen „Provinz“ Chiapas. Auf den Plätzen der Städte angekommen, marschieren sie und stellen sich in Formation auf, Frau neben Mann, Mann neben Frau, in Reih und Glied, vermummt und schweigend, keine Fahne, keine Parole, keine Forderung, nichts als Anwesenheit und Schweigen. Traditionelle Kleidung, westliche Kleidung, schwarze Strickmützen haben sie alle über ihre Gesichter gezogen und verharren in eisernem Schweigen. So stehen sie da, so harren sie schweigend aus und ziehen später, wieder schweigend ab. Tage später veröffentlichten sie ohne ein Wort gesprochen zu haben ein Kommuniqué: „Did you hear? It’s the sound of your world collapsing”…

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