Titelbild 2012 – fuenf Tage in Frankfurt

In Frankfurt lebend und arbeitend. Von 366 Tagen bleiben mir vier bzw. fünf Tage in Frankfurt aus 2012 in besonderer Erinnerung. Der 31. März 2012 mit „M31“ und 4 Tage im Mai, genauer die Tage vom 16. bis 19. Mai 2012 und „Blockupy Frankfurt“.

2012. Europa ist in der Krise. In einer Finanzkrise. Einer Staatsschuldenkrise. Europa gipfelt hin und her. Europa ist hektisch und aufgeregt. In Brüssel gehen die Regierenden ein und aus, spannen Selbstrettungsschirme auf. Man gibt vor hilfsbedürftige Länder vor dem Kollaps zu retten. Die Griechen, die Portugiesen, die Iren, die Italiener, die Spanier. Das ist die offizielle Version. Was nicht gesagt wird ist, dass es bei allen Maßnahmen vor allem darum geht ein System zu retten. Ein Finanz- und Wirtschaftssystem, das 2008 mit Volldampf und sehenden Auges vor die berühmte Wand gerauscht ist.

Gegen das von „oben“ verordnete Spardiktat organisiert sich europaweit Widerstand. Demonstrationen, Streiks, Generalstreiks und noch mehr Demonstrationen sind an der Tagesordnung. Hunderttausende, Millionen von empörten, zu recht wütenden Menschen sind immer und immer wieder auf den Straßen und fordern ein Ende der angeblich „alternativlosen Sparpolitik“ ihrer Regierungen. Bisher vergebens.

In Deutschland. In Deutschland, in Frankfurt kam von diesem Aufbegehren so gut wie nichts an. Die Krise war weit weg. Die Krise von 2008 war laut der „Regierung“ längst überwunden. Dank vorausschauender Politik. Hier hatte man alles richtig gemacht. Richtig gemacht und „rettete“ nun auch die Anderen. Europäer. Nordische Arroganz. Die Staaten werden sturmreif gespart, das Tafelsilber zum Spottpreis übernommen von „Investoren“.

Business as usual. Mitten im Herzen der Finanzindustrie. Die Stadt der Türme, der glitzernden Geldtürme. In der Stadt des schicken, schönen Scheins und Seins ging alles seinen gewohnten Gang. An das Occupy Camp unter der Europäischen Zentralbank hatte man sich gewöhnt. Das Camp nahm man hin und sann hinter verschlossenen Türen – im Römer – auf Abhilfe, man suchte nach Möglichkeiten. Man fand diese, etwas später, im Sommer 2012.

As usual? Nicht mehr ganz as usual. Auch hier in der Finanzmetropole formierte und organisierte sich Protest und Widerstand gegen das „Weiter so“. International vernetzt und organisiert. Ebenso international vernetzt und organisiert wie das kriselnde Finanz- und Wirtschaftssystem, das in Brüssel gerade gerettet werden sollte. „Koste es was es wolle“.

31. März 2012. M31

M31. Ein Bündnis trat an, entschieden links, radikal und international. M31, während der Mobilisierung vertrat sein Anliegen überraschend frisch. Die veröffentlichten Clips waren inhaltlich entschieden und gut gemacht. Das gleiche galt für die Print-Erzeugnisse, typographische Lösungen anstelle „geballter Fäuste“. Bundesweit hatte man erfolgreich nach Frankfurt mobilisiert.

6.000 versammelten sich „noch einig“ unter Unmengen von roten, schwarzroten und schwarzen Fahnen hinter einem Banner. Ein Banner, das kurz, knapp und für jeden, der lesen konnte unmissverständlich klar machte, wir, die hinter diesem Banner, wir sind nicht gekommen um etwas irreparables, vor die Wand gefahrenes, an sich selbst gescheitertes wieder aufzurichten, zu retten oder zu reparieren. Weg damit. Schluss damit.

Folgerichtig war auf dem Banner zu lesen „Kapitalismus IST die Krise. Solidarität. Streik. Aufstand.“ Harter Tobak. Gerufen wurde folgerichtig, etwas verkürzt und grob, aber folgerichtig „Staat. Nation. Kapital. Scheisse“. Echt. Echt harter Tobak.

Das mit der entschieden, kämpferisch, solidarischen Demonstration hatten „einige“ gründlich, willentlich missverstanden. Sie führten recht bald eine unnötige, alberne und dumme „Aufstands-Operette“ auf. Fliegende Farbbeutel, Feuerwerkskörper, Steine und zerbrochene Fensterscheiben machten aus einer Chance eine „Scherbendemo“. Ein Kommunikationsdebakel. Es kam was kommen musste. Viele Menschen verließen die Demonstration und die „Ordnungsmacht“ übernahm die weitere „Choreographie“. Chance vertan. Auftritt verpatzt.

Es folgten ein Polizeikessel, kurz darauf die Auflösung der Demonstration und die Verfolgung der Teilnehmer. Vertan, verpatzt und verheizt. Kurz vor der endgültigen Auflösung rief eine Frauenstimme vom Lautsprecherwagen „Das was hier aussieht wie ein Gefangenentransport ist der erste internationale Aktionstag gegen den Kapitalismus“. Recht hatte sie. Es sah aus wie einer und es war keiner. Bei aller Solidarität. Radikalität drückt sich in der Analyse und den daraus gezogenen Schlüssen und Handlungen aus. Nicht in umhergeworfenen Pflastersteinen, oder Revolutions-Opern. Wenn ihr diese aufführen wollt gründet Theatergruppen.

Mir standen Tränen in den Augen und ich habe mich stellvertretend geschämt. Rote, schwarzrote, schwarze Fahnen hin oder her was blieb waren Scham und Wut. Was blieb war ein Kommunikationsdesaster. Diese „Aufstands-Groteske“ lieferte für „die Medien“ eine Steilvorlage und im Gegensatz zu „M31“ wussten sie, sie zu nutzen. Jetzt, wurde gesendet, geschrieben, öffentlich rechtlich, politisch korrekt gejault, gejammert und um die Wette gezetert. Nicht das Anliegen der Demonstration oder die Auswirkungen der „systemischen Krise“ auf das alltägliche Leben von Millionen wurde diskutiert, nein, es ging nur um Farbbeutel, bengalische Feuer, Böller und umherfliegende Steine – das hätten besoffene „Hooligans“ auch hingekriegt.

Eine Steilvorlage, eine willkommene Rechtfertigung für das nun bald folgende, fast vollständige Verbot, die Diffamierung und Diskreditierung der Blockupy Tage in Frankfurt. Seit dem 31. März 2012 schweigt das Bündnis und die Webseite ist bered wortlos. Eine schwarzrote Fahne liegt eingemottet in der Schublade. Wartend, hoffend, vertrauend, arbeitend und schreibend für und auf bessere Tage. Tage, ohne Folklore, Operetten, Opern oder derlei dumpfe und kleinbürgerliche Inszenierungen.

16. bis 19. Mai 2012. Blockupy Frankfurt

Blockupy Frankfurt. Frankfurt, die „weltoffene“, die „glitzernde“, die „schöne“, sieht sich erneut bedroht. Frankfurt sieht sich durch ein neues Bündnis bedroht. Blockupy Frankfurt. Größer, breiter, lauter, irisierender, schillernder ruft dieses Bündnis europaweit zu „Blockupy Frankfurt“ auf und trifft damit ins Schwarze. Dieses Bündnis ruft nicht zu einer Demonstration. Nö. Das war angesichts der Sachlage und der Situation in Südeuropa echt echt pillepalle. Diese „Durchtriebenen“ nutzten clever den christlichen Kalender und mobilisierten naseweis und wild entschlossen europaweit zur massenhaften Blockierung und Lahmlegung der „weltoffenen“ auf.

An den Brückentagen, zu Christi Himmelfahrt. Gehts noch. Ham die sie noch alle. An 4, in Worten vier aufeinander folgenden Tagen. Haste da noch Töne. Frech. Einfach frech und gut.

Nu, nu war Alarm. Alarm. Alarm. Ab jetzt wurde gnadenlos geschrieben, moderiert und demokratisch korrekt berichtet, ob nun festangestellt, freiberuflich, jeder professionelle, frei und prekär beschäftigte Schreiberling, Vorleser, ja selbst die Ungerufenen, alle, alle riefen im Chor „NEIN“. Nein. Nein, beschützt uns vor den Boten der Vorhölle. Rettet, beschützt die „Weltoffene“.

Hysterisch. Hysterisch schrieben, kommentierten, plapperten sich die sendungsbewussten und von soviel basisdemokratischer Entschlossenheit vollkommen übertölperten, dennoch gut ausgebildeten Journalisten um Kopf und Kragen. All die heraufbeschworenen Bürgerkriegsszenarien werden, (diesmal) ausbleiben. Lahmgelegt. Lahmgelegt wurde die „Weltoffene“ nicht durch Empörte. Lahmgelegt hat sich die „Weltoffene“ strategisch und durchgeplant selbst. Ja. Selbst. Nach 3 Tagen der Selbstblockade staatlicherseits löste sich der Ausnahmezustand in einer riesigen bunten, heiteren, friedfertigen, grundentspannten, kämpferisch selbstbewussten und machtvollen Demonstration auf.

An die dreißigtausend Teilnehmer straften all die Hetzer, Schwätzer, Demagogen, Staats- und Verfassungsschützer, Politiker, Laiendarsteller und deren Schreiberlinge und Scharfmacher lügen. Gut gemacht. Blockupy Frankfurt. So geht Aufstand.

Alles. Alles. Alles wurde verboten. Jede öffentliche Regung, jede öffentliche Versammlung war verboten und per „Recht und Gesetz“ durch etliche Gerichte und Instanzen bestätigt. Die gesamte Innenstadt war 3 Tage lang verrammelt und Sperrgebiet. Sperrgebiet. Ein Heerlager der „Regierungs- und Hochfinanztruppen“. Jedwede Regung untersagt. 2012. Kein Witz. Bitterer Ernst. 2012. Alle „Demokraten“ waren in Deckung, im Urlaub oder ganz traditionell, wenns drauf ankommt, auf Tauchstation. Hinterher haben natürlich alle von nichts gewusst und sind entrüstet. Danke. Das. Genau das hatten wir schon einmal.

Zum Jahresende hin werden Verbote von anderen Gerichten revidiert. Viele der Verhaftungen, Verwarnungen, Platzverweise, Stadt- und Landesfriedensbrüche für unrechtmäßig erklärt und aufgehoben (geschrieben und gesendet wird davon selbstredend nichts). Zu spät. Eindeutig zu spät, meine Damen und Herren Richter. Das Kind ist im Brunnen. Die ohnehin dünne demokratische Firnis ist runter. Der schicke weltoffene Lack ist ab. Die Justiz hat sich zum Büttel gemacht. Die ganze Welt schaute dabei zu. Die Fratze, diese altbekannte Fratze war wieder offen sichtbar, offen sichtbar weltweit und für jedermann.

Das schöne, schicke, glitzernde, weltoffene Image ist im Eimer. Tipp: Reisst die Paulskirche ab. Ihr Scheindemokraten. Stellt ein Park- oder Bankhaus, eine Kaserne dahin. Städtebaulich bedenklich, aber irgendwie klarer.

 

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