Titelbild Es regnet Nelken

Verstrickt in aussichtslose Kolonialkriege in den Überseeprovinzen (províncias ultramarinas), Angola, Mosambik und Portugiesisch-Guinea (Guinea-Bissau) gärte es im Militär, Widerstand formierte sich und dennoch ging am 24. April 1974 für die meisten Portugiesen ein ganz normaler Arbeitstag zu Ende. Ein ganz normaler Arbeitstag in der nun seit 48 Jahren andauernden faschistischen Diktatur. Kaum jemandem der Zeitungslesenden in den Cafes auf dem Praza Rossio in Lissabon war der Programmhinweis in der „A Republica“ aufgefallen. Ein Programmhinweis auf ein interessantes Radioprogramm für den späten Abend bzw. frühen Morgen des 25. April 1974.

Gegen 0:30 Uhr strahlte der Sender Rádio Renascença das verbotene Volkslied des Sängers Jose Afonso „Grandola vila morena“ aus. Es war das Signal. In den Kasernen des Landes, in Santarem, Figueiras u. a. Orten hatte man gespannt vor dem Radio sitzend auf diese Ausstrahlung gewartet. Für die Bewegung der Streitkräfte MFA (Movimento das Forças Armadas) war es das Signal mit den militärischen Operationen zum Sturz des verhassten Regimes zu beginnen. Von nun ab überstürzten sich die Ereignisse.

Zwischen 0:40 Uhr und 8:30 Uhr vollzieht sich der Wandel in Windeseile. Kolonnen der Panzerregimente aus Santarem setzten sich in Bewegung mit dem Ziel Lissabon. Kavallerieregimente, Jägerbataillone, sowie andere rebellierende Einheiten schlossen sich ihnen an. Bei ihrem schnellen Vormarsch auf Lissabon stießen sie auf keinen nennenswerten Widerstand. Am frühen Morgen waren die wichtigen strategischen Punkte der Hauptstadt, die öffentlichen Plätze, das Rádio Clube Português und die Gebäude des staatlichen Fernsehens RTP nahezu zeitgleich besetzt. Die Einnahme vollzog sich ohne Blutvergießen. Bei der Besetzung der Studios des staatlichen Fernsehens leisteten einige Mitglieder der politischen Polizei Widerstand, wurden jedoch schnell entwaffnet. Der im Norden der Stadt liegende Flugplatz wurde ebenfalls besetzt und geschlossen. Der staatliche Rundfunksender Emisora Nacional und der private Rádio Marconi wurden widerstandslos eingenommen. Über Rádio Clube Português wurde die Bevölkerung aufgefordert, Ruhe zu bewahren. Gleichzeitig erging über Funk ein Appell an die noch immer regierungstreuen Einheiten in ihren Kasernen zu bleiben und sich den laufenden militärischen Operationen nicht zu widersetzen. Kampfflugzeuge der Luftwaffe überflogen im Tiefflug das Zentrum von Lissabon. Gleichzeitig wurden starke Verbände im Regierungsviertel zusammengezogen, das vollständig abgeriegelt und umstellt wurde.

Um 8:30 Uhr wurde über die Rundfunksender Emisora Nacional und Rádio Clube Português ein Kommuniqué verlesen: „Die Streitkräfte begannen heute in den frühen Morgenstunden mit einer Reihe von Aktionen, die die Befreiung des Landes von dem alten, längst überfälligen Regime zum Ziel hat… Im Bewusstsein, die wirklichen Gefühle der Nation zu kennen und zu vertreten, wird die Bewegung der Streitkräfte ihre Befreiungsaktion fortsetzen. Sie ruft die Bevölkerung auf, Ruhe zu bewahren und die Wohnungen nicht zu verlassen. Viva Portugal

In den nun folgenden Stunden ergaben sich immer mehr regierungstreue Truppen widerstandslos den aufständischen Einheiten des MFA. Straßensperren an den wichtigsten Punkten Lissabons wurden errichtet. Die Ärzte wurden über Radio aufgefordert sich für Notdienste bereit zu halten. Per Schiff vom anderen Tejo Ufer ankommende Bewohner wurden gebeten, wieder nach Hause zurückzukehren, während im Rundfunk immer wieder dazu aufgerufen wurde, zuhause zu bleiben und Ruhe zu bewahren.

Im Regierungsviertel war die Lage unübersichtlich und gespannt. Die höchsten Vertreter des Regimes hatten sich in der Carmo Kaserne, im Zentrum Lissabons, verbarrikadiert und weigerten sich zurückzutreten. Die Forderung des MFA war kurz und unumstößlich: Sofortige Ergebung und Kapitulation. Bei einem Fluchtversuch wurden der Verteidigungs-, Innen- und Marineminister Caetanos ertappt und festgenommen. Caetano und Américo Tomás weigerten sich weiterhin zurückzutreten. Die Belagerung der Kaserne zog sich über Stunden hin und das MFA stellte Caetano, Tomás und deren engsten Mitarbeitern ein Ultimatum: Sollten sie sich bis 17:00 Uhr nicht ergeben haben, werde die Kaserne gestürmt.

Nahezu alle Geschäfte, Banken und Versicherungen in Lissabon blieben geschlossen. Bis zur Mittagszeit hatte sich der Großteil der Bevölkerung an die beständig gesendeten Aufrufe, zu Hause zu bleiben und Ruhe zu bewahren gehalten. Doch nun waren Tausende auf der Straße um die Aufständischen zu unterstützen. Neu eintreffende Panzerkolonnen vor der Carmo Kaserne wurden lautstark begrüßt und beklatscht.

Gegen 15:00 Uhr fielen erste Schüsse. Über einen Unterhändler begannen Verhandlungen über die Rücktrittsbedingungen. Caetano erklärte sich bereit zurückzutreten, um zu verhindern, dass die Macht im Lande in die Hände der Straße fiele. General Spinola erscheine ihm der einzige Mann, der in der Lage sei, dies zu verhindern. Er, Caetano, sichere seinen Rücktritt zu, wenn General Spinola seine Nachfolge übernimmt. Nach Gesprächen Spinolas mit der Bewegung der Streitkräfte, MFA, willigten die antifaschistischen Militärs ein, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Vier Tote hatte es gegeben, als Angehörige des portugiesischen Geheimdienstes PIDE auf unbewaffnete Demonstranten feuerten.

Um 19:30 Uhr trat Caetano endgültig zurück und verließ mit seinen engsten Mitarbeitern, unter wüsten Beschimpfungen der Bevölkerung, in einem gepanzerten Fahrzeug die Carmo Kaserne und wurde inhaftiert.

Die Bewegung der Streitkräfte veröffentlichte kurz danach ein Kommuniqué in dem es am Ende hieß: „Wir hoffen. dass sich das Leben morgen wieder normalisiert, damit wir morgen vereint eine bessere Zukunft für unser Land aufbauen können. Viva Portugall“

Daraufhin kam es zu spontanen Freudendemonstrationen der Bevölkerung die bis weit in die Nacht andauerten. Mit Sprechchören wie Abaixo o fascismo! (Nieder mit dem Faschismus) und Viva a liberdade! (Es lebe die Freiheit) zogen unüberschaubare Menschenmassen begeistert, ausgelassen feiernd stundenlang durch die Straßen von Lissabon. Die am Straßenrand stehenden Militärs wurden gefeiert und als Befreier bejubelt. In dieser immensen Menschenflut sangen und jubelten Männer, Frauen, Arbeiter, Studenten Angestellte, Professoren, Intellektuelle und Soldaten gemeinsam.

In den darauffolgenden Tage rissen die Demonstrationen nicht ab. In den Gewehrläufen der Soldaten und in den Mündungsläufen der Panzer steckten rote Nelken. Rote Nelken waren überall. Rote Nelken regneten aus Militärhubschraubern auf die Menschen und auf die Stadt. A Revolução dos Cravos, die Revolution der Nelken war im Gange und nahm Fahrt auf. Fahrt auf in ein freies, revolutionäres Portugal. So die Hoffnung vieler… Portugiesen und Europäer …

Die Hoffnung der Vielen, die bald enttäuscht werden sollte. Die Verfassung von 1976 definierte noch den Übergang zum Sozialismus als Staatsziel. Einige Jahre später, 1986, trat Portugal in die EU ein. 2002 wurde der Euro eingeführt. 2011 „schlüpft“ Portugals Regierung unter den „Rettungsschirm“ der EU und unterwirft sich dem Diktat der TROIKA, fast genau vierzig Jahre nach der Revolução dos Cravos, der Nelkenrevolution, am 25. April 1974. Der Tag am dem es Hoffnung gab und Nelken regnete.

PS: Das Volkslied „Grandola vila Morena“ hat indes nichts an Spreng- und Symbolkraft eingebüßt, das musste auch der Ministerpräsident Coehlo am 15. Feb.2013 im portugiesischen Parlament feststellen. Am 2. März 2013 stimmten 800.000 Menschen das Volkslied gemeinsam in Lissabon an, forderten den Rücktritt der Regierung und den Rauswurf der Troika. Im ganzen Land stimmten es weit mehr als eine Million Menschen an, aus Protest. Der Jahrestag der Revolution jährt sich in wenigen Tagen zum 39. Mal …

http://www.youtube.com/watch?v=MYcTMfdwWkk

https://www.youtube.com/watch?v=NWXkR3jZnoI

http://whats-next.eu/?q=node/245

FacebookTwitterPinterestLinkedInEmailSMSWhatsAppMessenger