Titelbild In Bewegung geraten

Durchgeschleudert, vom kontrollierten Schonwaschgang stante pede in das Schleuderprogramm. Ja, auch und gerade als schwuler Mann muss man Wäsche waschen, zumeist die verschmutzte eigene. Ganz normal – schwul eben. Keine große Sache, keinen Artikel wert. Wirklich? Wirklich nicht… Doch! Denke schon…

 

Nach Jahren, nach vielen Jahren des Wegbleibens, des  „was sollen wir da, lasst uns bloß in Ruhe damit“, war es beschlossene Sache. Wir beteiligen uns am CSD, am CSD in Frankfurt. Soweit so gut. Nach einem Jahr „what‘s next“ war es klar, diesmal ja. Einfach so mitlatschen, auf gar keinen Fall! Das war auch radikal demokratisch beschlossen und damit Fakt.

Also, es mussten Fahnen her, ein Banner, Aufrufe (die gar nicht so einfach zu schreiben sind), Flugblätter (die dann doch nicht gedruckt wurden)… machen und tun. Die Fahnen waren am Ende da und das Banner auch. Einsatzbereit. Was fehlte waren die bewegten Menschen, die Träger, derselben.

Nach 15M, 29M, M31, Blockupy 2012, 25S, 29S, 14N, 23F, 2M, 25A, 1J, 27J, Blockupy 2013… und, und. und. Tachrir, Gezi Park, Taksim und, und, und… what‘s next, war klar wir tragen die Saat des Aufbegehrens, des Aufstands in die eigene Bewegung (uff).

UFF? Warum UFF? 

UFF. Nicht alles, was sich bewegt ist eine Bewegung. Wir, also wir von „what‘s next“, sind in Bewegung, in Bewegung geraten. Es reicht uns nicht scheibchenweise auf Gerichtsbeschluss mit schmerzverzerrtem Gesicht gleichgestellt zu werden. Das ist eine Grundvoraussetzung, eine von der Verfassung garantierte, Selbstverständlichkeit. Die bruchstückhafte vom Bundesverfassungsgericht angemahnte Umsetzung kommt nach fast 70 Jahren Bundesrepublik spät, reichlich spät, aber sie kommt.

Wir alle sollten darüber nachdenken die Bundesrepublik Deutschland auf Schmerzensgeld, Entschädigung und öffentliche Wiedergutmachung zu verklagen. Fast 70 Jahre Verfassungsbruch kann man doch nicht mir einer „CSD“ Parade feiern… oder doch?

Es besteht keinerlei Grund hier in Dankbarkeit oder Feierstimmung zu verfallen. Das ganze Gegenteil ist der Fall! Uns allen wurden Grundrechte willentlich vorenthalten. Wir haben uns durch unser Leben gebissen. Wir haben uns auch auf die Gefahr hin ausgegrenzt, beleidigt, angegriffen u.ä.m. öffentlich hingestellt und gesagt: Schaut her, wir sind schwul, schaut her, wir sind lesbisch.

Macht uns das zu einer Bewegung? Ja und nein. Erreicht wurde über die Jahre einiges. Was nicht geschehen ist steht für uns an. Nicht geschehen ist die Vernetzung mit anderen sozialen Bewegungen. Dies ist mehr als überfällig.

Also, die Fahnen und das Banner waren da, die Träger nicht. Sei‘s drum. Auf zum Römer. Dort angekommen, das bekannte Bild, viel Fummel, viel Maskerade, viel Fleisch, meist nackt, viel gute Laune; viel laute Musik, viel, viel, viel… viel Bewegung war nicht. 

Auf jeder Occupy und Blockupy Demo inklusive dem Sündenblock haben wir uns mehr und besser aufgehoben gefühlt als hier. Hier, am 20. Juli 2013 in Frankfurt. Dennoch, wir blieben, wir entrollten unsere Fahnen, die sagten Solidarität und Revolution. Sie flatterten stolz im Frankfurter Sommerhimmel. Der Aufstand, der Umsturz kam mangels Träger genauso wenig wie das Banner: Wir sind nicht eure Pausenclowns … Her mit dem schönen Leben. Jetzt. Sofort. Für alle und jeden. zum Einsatz.

Sei‘s drum, Spaß hat die Parade, die in den nächsten Jahren dringend zur Demo werden muss, dennoch gemacht. Die Solidarität und die Revolution spielten mit dem Wind und zogen durch Frankfurt. Beachtung fanden sie kaum, es waren die Drag Queens also die „Karnevalsfraktion“, die die Aufmerksamkeit auf sich zog. Das werden wir ändern, versprochen.

Zu früh gefreut Mädels. Es gab einige mehr die Spott, Gift und Galle, Wiederspruch und Humor mit im Gepäck hatten. Vereinzelt und nicht organisiert, aber sie waren und sind da. Das ist es. Daraus lässt sich etwas machen. Kommt zusammen und redet. Organisiert euch! Organisiert Das schwule Pack!

Am Ende war es ein schöner Tag. Die Parade war noch keine Demo, die Schwulen und Lesben noch keine antikapitalistische Bewegung, aber wir waren da.

Unter Freunden gab es dann auch Getränke, Gespräche und für mich vollkommen überraschend, vollkommen unvorbereitet, vollkommen schutzlos, einen zärtlichen Blick, einen Kuss, einen kurzen unschuldigen Kontakt zu einem Mann. Einem attraktiven Mann, der nicht wissen konnte, dass er im entscheidenden Moment, als alle Schutzschilde herunter gefahren waren, die über Jahre hinweg perfekt funktioniert hatten und positioniert waren, zuschlug und zu mir durchdrang. Er lächelte, berührte und küsste mich. Ausgerechnet.

Schonwaschgang vorbei, Schleudergang – hochtourig – seit Tagen… Beängstigend, verstörend, schön, entwaffnend schön und panikauslösend zugleich. Schleudergang – eben.

Ja Sissi. Das kommt davon, wenn man in Bewegung gerät, die Revolution und Solidarität auf seine Fahnen schreibt, das passiert dann, dass man Menschen trifft, die auf ihre unverstellte Art antworten und man sitzt da, wie das Kind beim Dreck, zittert, heult und ist überwältigt. Auch eine Revolution. Sissi.

JA! Alkohol war auch im Spiel… und weiter – what‘s next?!

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