Titelbild Profittiere

Wir bekommen’s mit der Muttermilch und auch danach in jeder Form: Damit aus Dir mal was wird. Damit Du groß und stark wirst. Geld sollste verdienen – am besten Haus, Hof, Hund, Kind und natürlich ein dickes Auto besitzen. Profitieren sollen wir also all überall. So ist’s gelernt und so ist’s brav und recht. Und immer wenn einer ’ne wirklich gute Idee hat, Profit zu machen, um sich ggf. das nächst größere Auto leisten zu können, dann ist Geschrei. Und niemandem fällt was auf?!

Was hatten wir also über die letzten Wochen: Pferdefleisch in der Lasagne, über das ich wirklich nichts schreiben wollte. Das haben genug andere getan. Und kurz danach Bio-Eier, die keine waren. Hups. Vom angeblichen Vorteil eines Bio-Eis verstehe ich ohnehin nichts, aber offensichtlich ist wohl, dass auch hier mal wieder jemand ne prächtige Idee hatte, mehr Geld und noch mehr Geld zu verdienen – alles wie gelernt. Und geht man noch ein bisschen weiter zurück, hatten wir schon allerlei lustige Dinge in unseren Lebensmitteln. Dioxin meine ich zu erinnern und Futtermittelskandal ist noch so ein Schlagwort, das durch meine Synapsen rauscht. Verglichen mit all dem ist ja Pferdefleisch ein Leckerbissen. Ach, und dann das Gewese um den Käse, den analogen. Man erinnert sich.

Und so oft es geschieht, so identisch ist die Reaktion darauf. SKANDAL! ruft’s von allen Dächern. Und Ilse Leutstoiber-Schnarrenmerkel und all Ihre Kolleginnen und Kollegen fordern reflexhaft Aufklärung, Untersuchung, Kontrollen, Abschaffung. Jedes Mal! Und jedes Mal, wenn reflexhaft nach all dem gerufen wird, entsteht in mir der Reflex, das ganze Gesinde in Reflexhaft nehmen zu wollen. Bei Wasser und Brot. Evtl. hie und da ein Scheibchen Salami – vom Esel.

Ich verstehe die Aufregung nicht. Bzw. ich gehe davon aus, dass sie ge- und verlogen ist. All das Gesocks, das das Geschrei anstimmt, hat sich doch genau so auf sein Pöstchen profitiert. Mutmaßlich gab’s da Champagner ins Futtermittel statt Dioxin, aber meine Hand würde ich dafür nicht ins Feuer legen. Aber gewollt und vorgelebt ist all das doch. Man kann doch nicht allen Ernstes Profit und Wachstum predigen, zulassen, dass sämtliche Prozesse verschlankt werden, unabhängig davon, ob es um Autos, Schweine oder Pferde geht, Blumen und Obst um die halbe Welt verschiffen, damit der Profit maximiert wird und sich dann wundern, wenn Dreck im Fressen ist – also in unserem, nicht nur in dem der Schweine.

Die Herstellung und der Vertrieb von Nahrungsmitteln sind eine Industrie. Und diese Industrie verhält sich wie eine. Sie verhält sich so, wie die Reflexkasper erwarten, dass sich eine Industrie zu verhalten habe: gewinnorientiert, wachsend, profitmachend. Und dann enthält vegetarisches Fressi eben Fleisch, in Joghurt ist irgendein chemischer Fruchtersatz und wer Pferd statt Ratte in seiner Lasagne findet, hatte noch Glück.

Die einzig ernstgemeinte Antwort auf solche „Skandale“ kann nur sein, regional und saisonal zu kaufen. Wenn ich den Metzger kenne und der den Bauern, dann brauche ich keine schärferen Kontrollen oder höheren Strafen, dann gehört es sich einfach nicht, dass ich Ratte statt Rind bekomme. Wir werden wohl damit klarkommen müssen, dass Erdbeeren im Naturjoghurt nicht so intensiv schmecken wie Erdbeerjoghurt, aber dafür sind’s dann eben tatsächlich natürliche Aromen statt naturbelassener Aromastoffe (was auch immer das sei). Mach [qtip:Zucker|Und ich meine Zucker – nicht Saccharin oder welcher Plunder noch so als Süßungsmittel (allein dieses Wort!) vertickt wird.] rein und leb’ damit.

Aber Vorsicht. Solch wenig systemkonformes Verhalten könnte dazu führen, dass irgendwem einfällt, dass auch Weidenhof ein systemrelevantes Unternehmen ist – und dann haben wir den Salat. Vielleicht ist ja Salat überhaupt die richtige Antwort. Ich freu’ mich jedenfalls schon jetzt auf den Skandal um Analogtofu.

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PS: Nein, die Headline ist kein Tippfehler. Ich hab’ nur den Bindestrich weggelassen, der es leichter lesbar gemacht hätte. Capisce?

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