Profitphones – not so smart

Smartphones heißen die Biester, behaupten also – qua Bezeichnung – intelligent zu sein. Aber sind sie das? Und wenn ja: woran gemessen? Sollte für all diese Devices nicht im Vordergrund stehen, Ihren Nutzer_innen einen Mehrwert zu bringen, statt Ihren Hersteller_innen einen Profit? Ganz offensichtlich nicht.

Als Steve Jobs im Januar 2007 das erste iPhone vorstellte, das dann im November des Jahres auch erschien, entfachte er – auch in uns – Begeisterung vor allem damit, dass er versprach, das Gerät werde mit seiner Software wachsen und seine Funktionen erweitern können. Heute, 13 Jahre später, gibt es das iPhone 12 – und das beschreibt die Anzahl der seitdem erschienenen Modelle nur unzureichend, da es all die C-, G- und S-Zwischenversionen auslässt. Das ach so smarte Phone braucht also doch – so wird suggeriert – jedes Jahr neue Hardware, um wachsen und „smarter“ werden zu können.

Leider ist hieran überhaupt nichts smart.
Außer natürlich der Ansatz, dass mit jedem Modell auch neu gutes Geld verdient wird. Intelligent sind also vor allem die Strategien zur Profitmaximierung. Die Geräte selbst? Naja, dazu später mehr. Das Smartphone unterliegt denselben kapitalistischen Gesetzen wie jedes andere Produkt. Der Innovationsmeister Jobs hat es also entweder nicht besser gewusst, oder eben Unsinn erzählt, als er uns weismachte, das Gerät wüchse mit seinen Apps. Und dass das iPhone nicht das einzige Gerät seiner Art bleiben würde, muss er ebenfalls gewusst haben.

User-Experience
Nutzer_innen, um deren Wohl und Weh es ja eigentlich bei „smart“ gehen sollte, sitzen heute also vor mindestens den drei Optionen Android, Windows und iOS. Und spätestens nun ist es mit „smart“ für die Bedienenden komplett vorbei. Nach iPhone-Vorbild sind all diese Universen geschlossen. Ziel ist nicht, den Nuter_innen eine möglichst nahtlose, unkomplizierte Erfahrung zu bescheren, sondern sie unter allen Umständen an eines dieser Systeme zu binden. Wer sich bis heute in einem der App-Stores mit „smarten“ Helferlein eingedeckt hat und morgen zu einem anderen Anbieter wechseln möchte, kann all die Helferlein neu kaufen und herunterladen. Für wen ist das smart?

Aber selbst innerhalb der geschlossenen Universen geht’s nicht so sehr um smart. Das lässt sich leicht feststellen, wenn man Bilder, Videos, Daten zwischen Geräten austauschen will. Meist müssen Inhalte umständlich in Clouds geladen werden, um sie dann per Link freigeben zu können. Smart? Nicht einmal innerhalb desselben WLAN-Netzes werden diese smarten Dingse klug. Im Gegenteil, alles ist umständlich und verläuft über Umwege oder – wenn man es sich leicht machen will – über Kabelverbindungen. Kabel, 2020, wie smart. Und da ist von all den unterschiedlichsten Anschlüssen noch gar nicht gesprochen.

Clever & Smart?
Da wir keine Entwickler sind, maßten wir uns nicht an, über Möglichkeiten der Übertragung zu schreiben, hätten wir sie nicht schon gesehen. Denn dass es auch anders geht, hat Threema eindrucksvoll bewiesen. Hier war/ist es so, dass man einen Kontakt autorisiert, indem man ihn_sie einen QR-Code scannen lässt, den Threema erzeugt hat. Ich öffne meinen QR-Code, du fotografierst ihn ab (unabhängig vom genutzten Gerät), zack, unsere Verbindung für künftige Chats steht auf Grün. Ein vom Smartphone erzeugter QR, den ich freiwillig einem anderen Gerät zur Verfügung stelle, um dann gewisse Zugriffe zu ermöglichen – so stelle ich mir einen sicheren Austausch vor. Gewiss sicherer als eine Cloud oder als eine Gesichtserkennung, die auch funktioniert, wenn ich schlafe.

Wer die kabellosen Geräte also tatsächlich ohne Kabel betreiben will, ist gezwungen die Cloud zu nutzen. Selbstverständlich mit Zwei-Wege-Authentifizierung, damit nur alles unglaublich sicher auf den ausländischen Servern einer profitorientierten Firma liegt, deren Nutzungsbedingungen zu verstehen es eines Jura-Studiums bedürfe. Smart sind hier jene, die diese AGBs verfassen. Da sind dann all die privaten Inhalte in Clouds, damit von allen Geräten darauf zugegriffen werden kann – theoretisch. Es sei denn natürlich, die schwächeren Glieder dieser Kette wären nicht auf dem neuesten Betriebssystem unterwegs. Dann ist schnell auch das letzte bisschen „smart“ vom Tisch, da dann die eigenen Dokumente nicht einmal mehr von den eigenen Geräten aus geändert oder gar betrachtet werden können. Smart, für wen?

Update, update, update
Eine Freundin hat eine Babyphone-App für iPhone und iPad, die sie eines Tages nicht mehr betreiben konnte, da das App-Update zwar auf dem iPhone funktionierte, das iPad aber kein neueres iOS mehr betreiben konnte. Die Software hat hier also das Gerät nicht schlauer gemacht, sondern den Bedarf für ein neues Gerät geschaffen. Nicht, weil das ältere Gerät den Anforderungen der App nicht mehr genügt hätte, sondern weil die App auf ein iOS optimiert war, das auf dem alten Gerät nicht mehr lief. Ebenso smart finde ich es übrigens ganz persönlich, dass ich die Corona-Warn-App nicht installieren kann, weil mein iPhone 6 dafür nicht mehr ausreicht. Es ist ein Telefon, mit Apps, mit Casual Games, mit einem Internet-Browser, mit sozialen Medien und jeder Menge Messengern darauf. Es hat eine gut funktionierende Kamera, es kann Bild- und Videobearbeitung, es kann wesentlich mehr, als ich jemals von ihm verlangen würde. Die Corona-Warn-App kann es nicht. Das ist unglaublich smart.

Smart, im Zusammenhang mit Smartphones, ist vor allem, wie klug die Industrie ihre Konsument_innen in Sachen Smartness die Sinne vernebelt. Es ist tatsächlich gelungen, die Anforderungen an ein Telefon, das von Anfang an eine Mäusekino-Spielekonsole war, so zu verschieben, dass nun die Kamera sein wichtigstes Feature ist. Sind wir ehrlich: Was kann ein iPhone 12, das ein iPhone 6 nicht kann? 5G, auf das wir ohnehin verzichten können und Gesichtserkennung, die ein Grund ist, warum ich kein Modell nach iPhone 6 mehr kaufe. Und darüber hinaus? Und das gilt ja nicht nur für iPhones – es ist nur die mir bekannte Perspektive: Seit Jahren übertreffen sich die Hersteller mit immer besseren Kameras, Blitzen, Objektiven usw. usf. Klar, mit jeder neuen Generation sind auch die Prozessoren schneller und die Akkus halten länger, aber mit solchen Features schlafen mir ja beim Tippen die Finger ein.

Kamera mit Wählscheibe
Die Kamera ist der heiße Scheiß an einem Telefon. Und wenn man diesen Satz liest, muss man sich schon fragen, ob wir eigentlich alle einen an der Waffel haben. Obendrein hat es die Industrie – dank all der Verträge, in denen dies das und jenes inkludiert ist – geschafft, die tatsächlichen Kosten derart zu verschleiern, dass darüber nachzudenken dann auch zuviel Arbeit ist. Und die – also die Arbeit – sollen uns ja wohl bitte unsere intelligenten Telefone abnehmen. Für das, was ein modernes Smartphone selbst innerhalb seiner Telefonverträge kostet, ist eine (eher zwei) digitale Spiegelreflex-Kamera zu haben, für die eben nicht jedes Jahr mehrfach eine noch digitalere, noch spiegelreflexendere Version auf den Markt kommt. Und für die man Objektive einfach dazukaufen kann.

Wenn man denn wollte…
Ein wirklich smartes Phone wäre ein modulares, eines, dessen Teile ausgetauscht werden können. Akku, Prozessor, Kamera, Objektiv, Blitz, WLAN, Buchsen, Bluetooth – all das wären einzelne Komponenten, die man bei Bedarf erneuern könnte und deren Anschaffung selbstverständlich einen Bruchteil dessen kostete, was für ein komplettes Gerät investiert werden muss. Smarte Phones wären in der Lage, Daten untereinander auszutauschen und Apps aus allen Stores laufen zu lassen. Smarte Phones ließen nicht zu, dass Entwickler_innen über ihre Fähigkeiten hinaus programmierten und somit schnellere Prozessoren nötig machten. Smarte Phones hätten ihr Augenmerk auf den Nutzer_innen und auf eine breite Kompatibilität. Aber dann wären sie halt nicht mehr kapitalistisch, sondern nur noch schlau – und wer will das schon. Ach: Und selbstverständlich ließen smarte Phones es niemals zu, dass jemand eine Sprachnachricht mit ihnen versendet oder empfängt.

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