Titelbild Oh Weh(en) – von der Struktur missbraucht

Ihr werdet ja mitbekommen haben, dass um den 20.12.’21 herum ein 34 Jahre alter Trainer des SV Wehen Wiesbaden in den Verdacht geriet, Jungs sexuell missbraucht zu haben. Was uns mehr aufschrecken ließ, als die Meldung selbst, war der Nachsatz, dass es die ersten Fälle von Kindesmissbrauch durch diesen Typen 2007 gegeben haben könnte. 2007. Da war er 20. Können wir über Strukturen reden?

Der Typ hat also spätestens als sehr junger Erwachsener schwerwiegende Probleme mit Gewalt und Jungs. Er kann aber 14 Jahre lang ungestört agieren und fliegt letztlich auf, weil er seine Schandtaten auch noch auf Video festhält. Er geht einfach davon aus, damit durchzukommen und schafft das über ein Jahrzehnt lang. 14 Jahre, in denen ihn kein Opfer angezeigt hat. 14 Jahre Arbeit mit Jugendlichen. Und über die – angemessene – Empörung hinaus, hat niemand eine Idee außer dem üblichen „härtere Strafen“?

Strukturen
Wo sind die Fragen danach, wie so etwas möglich ist und was sich strukturell ändern muss, damit es nicht möglich bleibt? Und „strukturell“… wo anfangen? Wer sich an dieser Stelle auf Sportvereine kapriziert, springt entschieden zu kurz. Wir müssen fürchten, dass dieser Fokus nun eine Weile existieren wird, aber das ist Shit-picking und hält nur so lange, bis die nächsten Fälle in Familien, in der Kirche, im Job, in der Filmindustrie oder weiß der Teufel wo ans Licht kommen. Wir müssen nicht über Strukturen in Sportvereinen sprechen. Misshandlungen und Missbrauch, sexuell, psychisch, körperlich, sind in dieser Gesellschaft allgegenwärtig. Die Opfer sind es nicht.

Opfer
Wir leben offensichtlich in einer Gesellschaft, die sich – das ist zynisch – „Wertegemeinschaft“ nennt, in der Missbrauchsopfer aber unsichtbar bleiben sollen. Kinder erzählen ihren Eltern nicht vom Missbrauch, Frauen gehen nicht zur Polizei, und sollten Eltern doch vom Missbrauch erfahren, scheinen sie keine Lösungen zu haben, oder sind gar Teil des Problems. 14 Jahre und noch unbekannt viele Fälle hier, 10 Jahre und über 1000 Fälle in Lüdge, ungezählte Fälle seit ihrem Bestehen in der Kirche, ungezählte Fälle in Familien und auf dem Job … Eine Handvoll sichtbarer Opfer, gelegentlich aufflammende Empörung, der Rest ist Schweigen.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf
Ganz offensichtlich, ganz mühelos sichtbar, gibt es für Missbrauchsopfer in unserer „Wertegemeinschaft“ keinen Platz und schon gar keinen sicheren Ort. Opfer ziehen es vor, mit dem was ihnen angetan wurde, allein zu bleiben, anstatt sich mitzuteilen. Sie sind nicht in der Familie, nicht im Freundeskreis und schon gar nicht bei den Organen des Staates sicher genug, sich mitteilen zu können, und das ist ebenso nachvollziehbar wie bedrückend.

Scham
Die „Wertegemeinschaft“ hat es hinbekommen, dass Opfer die Schuld bei sich finden, nur zum Teil bei Täter_innen. Opfer schämen sich für das, was ihnen angetan wurde. Das ist absurd. Und trauen sie sich doch heraus, sind sie gezwungen, die Traumata erneut zu durchleben und den Missbrauch präzise zu beschreiben, damit die Chance besteht, dass ihnen geglaubt wird. Wir befürworten den Rechtsgrundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“. Wenn es um Missbrauch geht, muss sich dennoch alles ändern. Opfer benötigen die Sicherheit, über das ihnen Angetane sprechen zu können, ohne es erneut durchleben zu müssen. Ermittlungen und Gerichtsprozesse müssen anders geführt werden und familiäre, Vereins- und Kirchenstrukturen müssen lernen, dass Missbrauch nicht länger übersehen werden wird.

Sexualisiert und dennoch prüde
Sex ist allgegenwärtig und der Zugriff darauf universell. Alles kann angeschaut und vieles getan werden. Gleichzeitig kommt der öffentliche Diskurs meist nicht über „Glied, hihi“ hinaus. Wer öffentlich über Schwänze, Mösen oder sogar Fetische spricht, erntet gezückte Augenbrauen und gerümpfte Nasen. Übers Ficken reden ist nur am Stammtisch. Ficken gucken ist überall und jederzeit. Wir leben im 21. Jahrhundert und das Weltbild ist noch immer patriarchalisch: Ehe, Kinder, der Mann verdient, die Frau regelt zu Hause – heterosexuell, monogam. In dieser Lebenslüge ist die Abwehr begründet, auf die Missbrauchsopfer treffen. Aber nichts davon stimmt: Es wird gewixt und gevögelt, dass sich die Balken biegen, aber „man“ spricht nicht darüber. „Schlafzimmer“ geht niemanden etwas an. Ja doch: Schlafzimmer muss endlich raus aus dem Hinterzimmer. Eine Gesellschaft, die offen über Sex spricht, könnte eine sein, in der auch offen über Missbrauch gesprochen wird. Eine, in der „das hat der Onkel Karl bestimmt nicht so gemeint“ nicht mehr durchgeht, weil eben alle den Unterschied zwischen einer Umarmung und einem Übergriff kennen.

Judikative
Bei den Recherchen hierzu lasen wir in der Lippischen Landes-Zeitung, dass im Missbrauchsprozess „Lüdge“ der ursprüngliche Ablauf mit den „überraschenden Geständnissen aller drei Angeklagten“ hinfällig geworden sei: „…die Kammer ist nun nicht mehr auf Aussagen der Kinder angewiesen.“ Nochmal: erst mit dem Geständnis der Angeklagten ist es dem Gericht möglich, die Kinder vor dem erneuten Durchleben x-fachen Missbrauchs zu bewahren. Missbrauche, die auf Video aufgezeichnet und verkauft wurden! Wir sind ebenso überrascht wie angewidert davon, dass es nicht möglich zu sein scheint, die Angeklagten auf Basis ihrer entsetzlichen Videos zu verurteilen. Was das für die Jungen bedeutet, die dem oben genannten Trainer zum Opfer fielen, können wir uns nicht einmal ausmalen.

Exekutive
Damit es überhaupt zu einer Anklage kommen kann, müssen Opfer zur Polizei. Sie müssen ihre Anzeige bei einer männerdominierten, bewaffneten und häufig nationalistisch-konservativen Institution aufgeben. Eine Institution, die zu oft mit der eigenen strukturellen Gewalt befasst ist. Wer selbst schon einmal auf einem Revier war, wird sich – zurecht – fragen, wo dort der Ort ist, an dem sich ein Opfer öffnen könnte. Meist strahlt schon der Empfang eine Geschlossenheit und schlechte Laune aus, dass wir an dieser Stelle bereits wegliefen. Und selbst wenn Opfer den Umweg über Verbände oder Anwält_innen nehmen, kann es nur dann zum Prozess kommen, wenn die Opfer ge- (oder ver-)hört wurden – von irgendwem. Die Notwendigkeit der Aussage erschließt sich, aber solange die Institution Polizei nicht reihenweise Psycholog_innen einstellt oder ausbildet, ist diese erste Hürde unendlich hoch. Mit der Polizei wie wir sie kennen, werden Opfer weiterhin unsichtbar bleiben und Taten ungesühnt.

Täter_innen
Ihr werdet hier keine Täter-/Opfer-Umkehr lesen. Aber gerade die genannten Fälle werfen auch die Frage auf: wie konnte er soweit kommen/wie konnten die Täter_innen in Lüdge soweit kommen? Härtere Strafen verhindern solche Taten nicht, denn die Täter_innen sind viel zu weit entrückt. Jeglicher gesellschaftlicher Konsens wurde verlassen, das Sozialverhalten / die Psyche sind offenbar gestört. Menschen, die solche Taten ausführen wissen das. Sie wissen, dass nicht „normal“ ist, was sie tun, und häufig genug empfinden sie sich selbst als krank. Aber auch sie können sich nicht an Familie, Freunde oder Institutionen wenden, solange noch Zeit wäre. Sie schämen sich ihrer Neigungen und bleiben damit allein und beschämt, denn es kann nicht sein, was nicht sein darf. Noch einmal doch: in uns allen wohnen Dämonen und dieses System fördert sie und fördert neue. Jeden Tag leben mehr Menschen in Ängsten, Psychosen und Depressionen – aber auch die gehören zu den Fetischen ins Hinterzimmer. Wenn wir uns nicht endlich aufrichtig damit befassen, wer und was wir sind, was der tägliche Kampf für jede_n von uns bedeutet und mit welchen Ängsten aber auch Wünschen wir unterwegs sind, dann schaffen wir täglich neue Täter_innen. Die Lüge, wir lebten im patriarchalen, heterosexuellen Kapitalismus, glücklich bis ans Ende unserer Tage, muss vom Tisch.

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